Tag-Archiv für 'radolfzell'

Farbattacke auf Kriegerdenkmal in Radolfzell

Letztes Wochenende, in der Nacht vom 21. auf den 22.1.2017 wurde das Kriegerdenkmal am Radolfzeller Luisenplatz beinahe völlig mit bunter Farbe und dem Schriftzug „Lieber bunt als Nazischund“ bedeckt. An der Wandtafel wurde der Schriftzug „KÖPPEN HEINRICH“ farblich hervorgehoben.


Kriegerdenkmal am Luisenplatz, vor der Farbattacke. Im Hintergrund Bronzetafeln mit Namen von 100 SS-Angehörigen

SS-Obersturmbannführer Heinrich Koeppen war Kommandant der III. SS-Germania, die unter den Nazis in der Radolfzeller SS-Kaserne stationiert war. Er starb 1939 in den ersten Kriegstagen beim Überfall auf Polen. Koeppen war somit – anders als der Schriftzug, der seit 2011 über den Namenstafeln am Luisenplatz prangt, Glauben macht – kein Opfer, sondern Täter im Angriffskrieg von Deutschland auf seine Nachbarländer.

Heinrich Koeppen war es auch, der 1938 am Luisenplatz, der damals noch Horst-Wessel-Platz hieß, die Weiherede hielt und das Kriegerdenkmal, das damals noch Ehrenmal hieß, der Stadt übergab. Die Nazis wussten, wie man so eine Einweihungsfeier macht. Es gab einen „gewaltigen Aufmarsch der Formationen“, mit Musikzug und Militärparade, darunter der NS-Reichskriegerbund, die NS-Kriegsopferversorgung, eine Ehrenkompanie der SS-Germania, auch mit Musikzug, die Gliederungen und Formationen der NSDAP. „Zum Lied vom guten Kameraden präsentierten die Truppen das Gewehr“. Am Ende gab es ein fröhliches „Sieg Heil“ und noch ein paar „Lieder der Nation“. (Vgl.: Bericht über die Ehrenmal-Weihe in der „Badischen Kriegerzeitung“ des NS-Reichskriegerbundes, Nr. 23, 12. Juni 1938)

In der NS-Zeit wurden jährliche Heldengedenkfeiern durchgeführt. Nach dem Krieg traf sich hier regelmäßig der SS-Traditionsverband HIAG. Bis 1958 gedachte die Stadt Radolfzell noch offiziell ihren „im Weltkrieg 1914 – 1918 gefallenen Helden“. Noch heute wird jedes Jahr zum Volkstrauertag völlig unreflektiert das Lied vom guten Kameraden gespielt. Und kaum einer stört sich an den Namen von 100 Angehörigen der III./SS-VT „Germania“ auf den Bronzetafeln.

Inzwischen haben Neonazis das Kriegerdenkmal für sich entdeckt und werfen jährlich zum 8. Mai ihre Kränze dort ab. Die zahlreichen Versuche der jüngsten Zeit, den Luisenplatz umzuarbeiten, können getrost als gescheitert betrachtet werden, so lange das martialische Kriegerdenkmal selbst nicht geschleift wird.

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Spießrutenlaufen für Neonazis in Radolfzell

Am heutigen Samstag hatte die faschistische Kleinstpartei „Der III. Weg“ von 16 bis 18 Uhr einen Infostand in der Radolfzeller Fußgängerzone. Unter den acht teilnehmenden Nazis befanden sich der verurteilte Rechtsterrorist Karl-Heinz Statzberger und die mit ihm befreundete Radolfzeller Aktivistin Nadine H. Am Fahrzeugkennzeichen war zu erkennen, dass für diese erst kurzfristig bekannt gewordene Aktion Unterstützung aus der Gegend um Villingen-Schwenningen gekommen war. Etwa 100 GegendemonstrantInnen sorgten dafür, dass das Ganze für den Dritten Weg in einem Spießrutenlauf endete.

Der III. Weg konnte seinen Infostand nicht ohne weiteres errichten, weil sich just an dem angemeldeten Ort in der Markthallenstraße etwa 100 Personen zu einer spontanen Versammlung aufgestellt hatten. Viele Linke, AntifaschistInnen, SozialdemokratInnen, Grüne und GewerkschafterInnen, nicht nur aus Radolfzell, wollten so den Nazis entgegen treten. Die Nachricht über den alles andere als erwünschten Infostand muss sich seit dem gestrigen Erscheinen einer Notiz in der Presse wie ein Lauffeuer verbreitet haben.

Mit Hilfe von Dutzenden von Polizisten gelang es dem Dritten Weg schließlich, etwa um eine halbe Stunde verspätet, ihren Pavillon mit Klapptischen und Fahnen aufzubauen, allerdings ständig eng umzingelt von gegnerischen Transparenten und gestört von lauten Parolen, die ihnen versicherten, dass es kein Recht auf Nazipropaganda gebe. Viel war von den Nazis ab dem Zeitpunkt nicht mehr zu sehen. An der Konstellation – Pavillon mit einer Hand voll Nazis – Polizeikette – Transparente – eine große gegnerische Menschenmenge – änderte sich bis zum Abbau um 18 Uhr nicht mehr viel. Ab und zu gingen ein paar junge Punks vor zum Infotisch und deckten sich mit Stapeln von Dritte-Weg Flyern ein, um diese sogleich im nur wenige Meter entfernten Mülleimer zu entsorgen. Irgendwann schienen die Nazis nicht mehr bereit zu sein, ihre Flyer unters „Volk“ zu bringen. Da ihnen auch das Ansprechen von PassantInnen durch Auflagen untersagt war, blieb ihre Aktion reichlich unkommunikativ und ohne Außenwirkung. Ihr Abbau gestaltete sich wiederum als schwierig für die Nazis. Es gab Gerangel und laute Parolen wie „Nazis verpisst Euch, keiner vermisst Euch!

Nachdem das Villinger Fahrzeug abgefahren war, mussten die restlichen vier Nazis in einer Art Spießrutenlauf, umgeben von Antifas und Polizei den Weg nach Hause oder zu ihren Fahrzeugen finden, was durchaus ein Problem war. Irgendwann hatte die Polizei die Faxen dicke und keine Lust mehr, mit den Nazis ziellos durch Radolfzell zu latschen. Sie drängten die Demonstranten zurück, bis die Nazis außer Sichtweite waren, woraufhin sich alles – scheinbar – auflöste.

Die zum Bahnhof zurücklaufenden Antifas nahmen sich jedoch nochmals die Straße und riefen „Alerta, alerta antifascista!“. Bei einem schnellen Abstecher in die Radolfzeller Wiesengasse wurden zudem Anwohner auf Neonazis in ihrer unmittelbaren Nachbarschaft aufmerksam gemacht.

Lächerlicher Naziaufmarsch in Radolfzell

Am Samstag, den 25.6.2016 liefen ganze 10 (!) Neonazis durch die Radolfzeller Innenstadt und wurden als solche benannt. Ca. 40 AntifaschistInnen störten den Aufmarsch mit lautstarken Parolen.

Wer dachte, nach dem rechten Mobilisierungsdesaster vor zwei Wochen, bei dem sich gerade mal 23 FaschistInnen zu einer Kundgebung in Tuttlingen verirrten, könne es – für sie – nicht schlimmer werden, irrte: In Radolfzell versammelte der regionale Wanderzirkus nur noch 10 Nasen. Es waren nicht viel mehr als ein paar Vertreter der NPD Konstanz-Bodensee und der Kameradschaft Höri-Bodensee gekommen. U.a. gaben sich auch die beiden NPD Landtagskandidaten Tim Belz und Siegfried Pauly die Ehre.

Kaum hatten sich die Rechten auf dem Marktplatz in Stellung gebracht, dröhnten ihnen auch schon die lautstarken Proteste ihrer GegnerInnen entgegen. Die Polizei warf sich eilig dazwischen.

Sobald die Nazis durch Sprechchöre wie „Alerta, Alerta, Antifascista!, „Es gibt kein Recht auf Nazipropaganda!“ oder „Nazis vertreiben, Refugees bleiben!“ deutlich als das geoutet worden waren, was sie letztlich sind, ließen sie ihre Fassade der „besorgten Bürger“ einfach fallen und verhielten sich wie erwartet: als Naziparolen-grölende Stiefelfaschos.

Die vermutlichen Adressaten ihrer Kundgebung, ein paar versprengte Sommertouristen, nahmen so schnell reißaus. Der Radolfzeller Marktplatz wäre wie leergefegt gewesen, wären da nicht völlig überdimensioniert viele Polizisten im Einsatz gewesen – es müssen über hundert gewesen sein.

Die Nazis hatten keine Lautsprecheranlage, kein (funktionierendes?) Megafon und, was schwerer wog, auch keine Inhalte kundzutun. Einfallslos reagierten sie irgendwann nur noch reflexhaft auf die durchaus phantasievollen Störrufe ihrer GegnerInnen, die gut 50 Meter von ihnen entfernt standen und von einer Polizeikette zurückgehalten wurden.

Immer öfter entstanden bei den Rechten lange Pausen, wo kaum was von ihnen zu hören war und sogleich kamen Rufe mit „Ihr könnt nach Hause gehen“ auf – Rufe, die sonst erst gegen Ende eines Naziaufmarsches erklingen.

Irgendwann erbarmte sich jemand und befahl die Aufstellung zur Minidemo, genannt „Nachmittagsspaziergang“: drei in einer Reihe, drei Reihen hintereinander – oder waren es fünf Reihen zu zweit?

Ihre angemeldete Route führte vom Radolfzeller Marktplatz in die Seetorstraße, nach ein paar Metern rechts in die Seestraße, vor bis zur Poststraße und auf der wieder zurück. Insgesamt ca. 500 Meter. Am Ende der Seestraße mussten sie unvermittelt warten, bis die Polizei die GegendemonstrantInnen mit Pfefferspray bedroht und zurückgedrängt hatte. Diese liefen nämlich die ganze Zeit in den Parallelstraßen mit, riefen aus den Seitengassen und kamen ihnen an eben dieser Stelle entgegen.

Auch als die Nazis wieder auf dem Marktplatz waren, war von einer Kundgebung nichts zu hören. Gegen 17 Uhr packten sie ihr weniges Hab und Gut (ein paar Fahnen) zusammen und wurden zum Bahnhof eskortiert, wo die Polizei abermals ihre GegnerInnen zurückhalten musste, bis alle Tickets gelöst waren und sie endlich in den Zügen verschwanden.

Was bleibt? Laut Polizeibericht eine Anzeige für den Anmelder wegen einem Verstoß gegen die Auflagen der Stadt. Und die Hoffnung, dass der gegenwärtige Trend sich fortsetzt, die Teilnehmerzahlen bei den regionalen Naziaufmärschen bald die Nulllinie unterschreiten und ins Negative drehen.

Links

Verlegung von sieben weiteren Stolpersteinen in Radolfzell

Am 2. Juli 2016 ist der Kölner Künstler Gunter Demnig erneut in Radolfzell zu Gast, um Stolpersteine zu verlegen. Stolpersteine sind das größte dezentrale Mahnmal der Welt. Sie erinnern an Opfer des Nationalsozialismus, also an Juden, Sinti und Roma, Homosexuelle, politisch Verfolgte, Zeugen Jehovas und „Euthanasie“-Opfer. Gunter Demnig lässt jeweils kleine Gedenktafeln aus Messing ins Trottoir vor dem letzten selbstgewählten Wohnort ein. Mittlerweile gibt es über 56.000 Steine, nicht nur in Deutschland, sondern auch in 19 weiteren europäischen Ländern.

In Radolfzell sorgt die Initiative „Stolpersteine in Radolfzell“ für die Verlegung von Stolpersteinen. Dem gehen monatelange Vorbereitungen voraus: Jeder einzelne Stolperstein steht für eine Verfolgtenbiografie und erfordert intensive Recherchen. Aufmerksame Passanten können mittlerweile 16 Stolpersteine entdecken, die über das ganze Stadtgebiet verteilt sind und im Juni 2014 sowie im September 2015 verlegt wurden. Am 2. Juli 2016 sollen sie nun um sieben weitere Stolpersteine ergänzt werden.

Die Verlegung beginnt um 10:30 Uhr mit der Begrüßung in der Jakobstr. 5. Oberbürgermeister Staab spricht anschließend ein Grußwort der Stadt Radolfzell. An jeder der sechs Stationen gibt es einen Einblick in das Leben der jeweiligen Menschen. An mehreren Stationen kommen Angehörige zu Wort. Die Veranstaltung wird musikalisch begleitet von Rudi Hartmann (Akkordeon), Heinrich Braun (Klarinette) und Günter Mantei (Gitarre). Interessierte sind herzlich eingeladen, an der Verlegung teilzunehmen!

Den Ablauf der Veranstaltung können Sie der nachfolgenden Übersicht entnehmen:

10:30 Uhr Begrüßung, Grußwort Oberbürgermeister Staab, Stolperstein für Carl Diez, Jakobstr. 5

11:10 Uhr Stolperstein für Albertine Hässig, Bismarckstr. 30

11:30 Uhr Stolperstein für Walter Josef Böhler, Köllinstr. 31

11:45 Uhr Stolperstein für Johann Baptist Kaiser, Schwertstr. 40

12:00 Uhr Stolperstein für Frieda Armbruster, Gütttinger Str. 13

12:30 Uhr Stolpersteine für Berta u. Elisabeth Welschinger, Unterdorfstr. 9 in Markelfingen

Die Biografien zu allen Radolfzeller Stolpersteinen sind im Internet frei zugänglich unter http://stolpersteine-radolfzell.de .

Quelle: Initiative Stolpersteine in Radolfzell

„Euthanasie“ in Baden am Beispiel der seinerzeitigen Heil- und Pflegeanstalt bei Konstanz.

Vortrag von Dr. Gabriel Richter, Zentrum für Psychiatrie (ZfP) Reichenau am 28.6.2016 um 19:30 Uhr in der Teggingerschule, Teggingerstr. 3, Radolfzell

Mit den für den 2. Juli geplanten Stolpersteinverlegungen für Albertine Hässig, Walter Josef Böhler, Frieda Armbruster und Berta und Elisabeth Welschinger wird 2016 an weitere fünf Radolfzeller Opfer der zehntausendfachen NS-„Euthanasie“- und Krankenmorde 1940/41 erinnert, die nach der Adresse der Berliner Planungs- und Organisationszentrale (Tiergartenstr. 4) unter dem Tarnnamen „T4“ durchgeführt wurden.

Mit Ausnahme der „Pfleglinge“ der St. Josefsanstalt Herten – Walter Josef Böhler (1934-1940), Elisabeth Welschinger (1931-1940) und Helmut Ernst Waller (1920-1940) – waren die Radolfzeller „Euthanasie“-Opfer PatientInnen der damaligen Heil- und Pflegeanstalt Reichenau, bevor sie 1940 in der NS-Tötungsanstalt Grafeneck ermordet wurden.

Vor diesem Hintergrund lädt die Initiative „Stolpersteine in Radolfzell“ zu einem Vortrag ein, der die regionalen Strukturen und Dimensionen der „Aktion T4“ am Beispiel der Heil- und Pflegeanstalt Reichenau beleuchtet.

Im Anschluss wird die Möglichkeit zu einer Diskussion sein.

Quelle: http://stolpersteine-radolfzell.de

Rechter Aufmarsch in Radolfzell am 25.6.2016 angekündigt

In holprigem Deutsch wird bei Facebook für Samstag in einer Woche ab 16 Uhr ein rechter Aufmarsch auf dem Radolfzeller Marktplatz angekündigt.

Update 25.6.2016: Lächerlicher Naziaufmarsch in Radolfzell

Das unzweideutige Motto lautet: „1. Nachmittagsspaziergang Radolfzell Gegen Asylterror in Europa“. Geteilt wird der Facebookevent bei rassistischen und neonazistischen Facebookseiten der Region. U.a. prangt die Ankündigung ganz oben bei der unablässig gegen Flüchtlinge hetzenden Facebookseite „Asylantenheim Radolfzell, nein danke “.

Diese Seite postet ähnlichen rassistischen Unfug wie die anderen Pegida-, „Merkel muss weg“– und „Nein zum Heim“-Seiten bei Facebook, fällt aber auf mit einer überdurchschnittlich hohen Anzahl von Weiterleitungen von „Der III. Weg“ auf, einer bundesweit aktiven, neonazistischen Kleinpartei, die sogar noch rechts von der NPD zu verorten ist. Aktivitäten von „Der III. Weg“ sind in Radolfzell mehrfach bekannt geworden, u.a. bei Kranzabwürfen vor dem martialischen Kriegerdenkmal auf dem Radolfzeller Luisenplatz. Dieses Kriegedenkmal war in der Zeit des Nationalsozialismus errichtet und 1938 von der Radolfzeller Waffen-SS eingeweiht worden.

Es ist noch keine halbe Woche her, dass die aus dem gleichen Umfeld stammende „Nein zum Heim – SBH“-Gruppierung in Tuttlingen eine krachende Niederlage erlebt hat. Trotz langer Voranküdigung, angeblich massenhafter Flugblattverteilung und viel Rauschen in den Sozialen Medien ließen sich letzten Sonntag außer den OrganisatorInnen und RednerInnen kaum Leute auf dem Tuttlinger Marktplatz blicken. Die Tuttlinger Antifa-Spontandemo hatte mit 150 Personen dagegen eine vergleichsweise gute Beteiligung. Insgesamt waren in Tuttlingen am letzten Sonntag sogar einige hundert GegendemonstrantInnen auf der Straße, die den Nazis („Wir sind das Volk“) lautstark ihren Hass entgegen schleuderten.

Die regionalen Neonazis blicken derzeit auf eine Phase mit sukzessive abnehmenden Mobilisierungserfolgen zurück. In Villingen folgten zuletzt nur noch 40 AnhängerInnen den Aufrufen, in Singen kamen am 7. Mai gerade mal 45. Der Organisator Karl Leiber hatte in Tuttlingen großmäulig 300 TeilnehmerInnen angemeldet, doch gekommen waren lediglich ca. 20 Personen, die meist noch von weit her angereist waren. Man fragt sich, warum sie überhaupt noch demonstrieren, wenn sie sich doch immer wieder der Lächerlichkeit preisgeben.

Zwei Tage vor dem rechten Aufmarsch in Radolfzell, also am Donnerstag, den 23.6. gibt es im Konstanzer Radioraum (DGB-Haus, Beyerlestr. 1) um 20 Uhr einen Vortrag zur Gegenmobilisierung.

Aus der Ankündigung:

Da am 25.06. ein „1. Nachmittagsspaziergang Radolfzell Gegen Asylterror in Europa“ in Radolfzell geplant ist, bei dem örtliche Faschisten ihr rassistisches und nationalistisches Weltbild lauthals propagieren wollen, laden wir zu einem Mobivortrag über diese Veranstaltung und unserer Gegenkundgebung ein – dass Faschisten (hier und anderswo) immer noch nach mehr Grenzschutz, mehr Toten im Mittelmeer, mehr Stacheldraht und Rassismus schreien, und immer noch meinen, ihre falschen Antworten auf soziale Fragen verbreiten und sogar selber durchsetzen zu müssen, kann nicht hingenommen werden und erfordert unser Engagement gegen sie – gegen Rassismus, gegen Nationalismus, gegen Ausgrenzung und gegen ein Europa der Nationen und Stacheldrahtzäune, für eine Gesellschaft in Freiheit und Solidarität für jeden*!

Quelle: https://de-de.facebook.com/events/1783797615168937/

Weitere Berichte:

Kundgebung von RassistInnen und Neonazis anlässlich des Merkelbesuchs in Radolfzell

Etwa 200 WutbürgerInnen, RassistInnen und Neonazis kamen am Montag, den 15.2.2016 nach Radolfzell, um vor dem Milchwerk anlässlich einer CDU-Wahlkampfveranstaltung mit Angela Merkel gegen ihre Flüchtlingspolitik anzuschreien.

Update 04.03.2016: Auf indymedia linksunten wird jetzt mit einem Artikel in der Mittelspalte der Startseite zur Verhinderung des rechten Aufmarsches in Singen mobilisiert: Kein Aufmarsch von Neonazis und Rassist*innen am Montag, den 7.3.2016 in Singen!

Update 02.03.2016: Der Aufruf des DGB Kreisverband Konstanz zu ihrer Kundgebung am Montag, den 7.3.2016 um 18 Uhr: Singen bleibt bunt! Kundgebung für Toleranz statt Rassismus

Update 01.03.2016: Aus Gewerkschaftskreisen wurde vor dem Singener Rathaus, aslo dem Ort, den die Rechten eigentlich für sich ausgeguckt hatten, die Gegenkundgebung angemeldet. Sie befindet sich durchaus in Hör- und Rufweite zur Kundgebung der Rechten.

Update 27.2.2016: Inzwischen wurde die neue Kundgebung in Singen offiziell angemeldet. Der angestrebte Platz vor dem Singener Rathaus hat allerdings nicht geklappt, statt dessen sind sie jetzt am 7.3.2016 um 18 Uhr auf dem Platz Ekkehard Realschule.

Update 24.2.2016: Die Facebook-Seite „Singen sagt Nein zum Asylantenheim“ wurde offenbar aufgrund der dort verbreiteten Hetze von Facebook gelöscht ( Vgl. folgenden Südkurier Artikel: Facebook löscht Seite von Flüchtlingsheim-Gegnern aus Singen). Laut SWR hat die Polizei zusätzlich ein Ermittlungsverfahren wegen des Verdachts auf Volksverhetzung gegen den Betreiber der Seite eingeleitet. Dieser soll aus dem Kreis Konstanz stammen.

Update 19.2.2016: Neuer Aufmarsch von WutbürgerInnen, RassistInnen und Neonazis am 7.3.2016 in Singen angekündigt

Die OrganisatorInnen – aus dem Umfeld einer Facebook-Bürgerwehr

Erste Hinweise auf die hinter dieser Kundgebung stehenden OrganisatorInnen lieferte ein Südkurierartikel von Ende Januar. Dort wurde über eine bei Facebook betriebene, nicht öffentliche Bürgerwehrgruppe berichtet, die gegen Flüchtlinge und Angela Merkel hetzt und deren Mitglieder vorwiegend aus Hegaugemeinden stammen sollen.

Weiter heisst es dort: „Den ersten öffentlichen Auftritt planen einige Gruppenmitglieder in Form einer Demonstration anlässlich des Besuchs der Bundeskanzlerin am 15. Februar in Radolfzell. Unter dem Motto „Merkel muss weg“ versuchen die Verwalter die Mitglieder zu mobilisieren.“ (SK 30.1.2016).

Der Zusammenhang zwischen den OrganisatorInnen und dieser Bürgerwehr wird auch durch Facebook-Postings in den Tagen nach der Kundgebung unterstrichen. Dort wird einer „Sandy K.“ zum einen für ihren Einsatz bei der Werbung für diese Kundgebung gedankt und zum anderen dafür, die „Bürgerwehr Landkreis Konstanz“ ins Leben gerufen zu haben.


Screenshot: Dank für die Bürgerwehr-Initiatorin

Sandy K. (oder wer auch immer sich hinter diesem Nickname versteckt) wirbt aber auch selbst ganz direkt für ihre Bürgerwehr.


Screenshot: Bürgerwehr Landkreis Konstanz

Auszug aus einer aktuellen Recherche zu Facebook-Bürgerwehren beim Netz gegen Nazis:

Was alle Bürgerwehr-Gruppen bei Facebook eint, ist die Tatsache, dass Flüchtlinge als Bedrohung angesehen werden. Sie werden verantwortlich gemacht für steigende Kriminalität, für Diebstähle und sexuelle Gewalt. Sie werden durchgängig mit beleidigenden („Rapefugees“) oder ironischen Begriffen („Fachkräfte“, stets in Anführungszeichen) bezeichnet. In allen überprüften Facebook-Gruppen werden neonazistisiche Inhalte und Symboliken gepostet und ernten so gut wie nie Widerspruch. In den Gruppen wird außerdem offensiv der Einsatz von Waffen diskutiert. Darüber hinaus wird dazu aufgerufen, Flüchtlinge oder politische Gegner totzuschlagen, auch in solchen Fällen erleben die Postenden keine Gegenrede.

Quelle: Monitoring: Auf Patrouille bei den Facebook-Bürgerwehren (Netz gegen Nazis, 18.2.2016)

Andrea Zürcher – Wahlwerbung für die AfD

Organisiert hatte die Kundgebung eine bislang nicht groß in Erscheinung getretene Andrea Zürcher aus Singen. Die Werbung für die Kundgebung wurde als Facebook-Event mit dem Titel „Merkel muss weg“ verbreitet, der bei der inzwischen nicht mehr öffentlich zugänglichen Facebookseite „Singen sagt Nein zum Asylantenheim“ gehostet wurde. Diese Seite wiederum ist seit Monaten bekannt für ihre rassistische Hetze gegen Flüchtlinge.

Andrea Zürcher bemüht sich in einer überaus freundlichen, weil unkritischen Reportage des Dänischen Fernsehens als normale Bürgerin und enttäuschte ehemalige CDU-Wählerin rüberzukommen. Welche Partei Andrea Zürcher bei den Landtagswahlen im März wählen wird, wissen wir nicht. Ihre Auswahl im rechtspopulistischen-rassistischen Lager jenseits von CDU/FDP/Freie Wähler ist durchaus groß: ALFA, AfD, Reps, NPD. Gegen Ende des DR-Berichts empfiehlt sie jedenfalls die AfD.

Auch die Person, die die Domain „merkel-kommt.de“, die zur Facebookseite „Merkel muss weg“ weiterleitet, angemeldet hat, ist offenbar AfD-Anhänger. Die Domain ist auf den Konstanzer Felix T. registriert, der seinen Facebookauftritt mit einem großen, u.a. von Frauke Petry gehaltenen Fronttranspi schmückt. Mit dem gleichen Namen machte Felix T. bereits Ende Januar auf der Facebookseite des Südkuriers Werbung für die Radolfzeller Kundgebung. Vermutlich ein- und derselbe „Felix T.“ ärgerte sich zudem vor Kurzem über einen AfD-kritischen Artikel bei Seemoz, wo seiner Meinung nach die AfD zu Unrecht mit Neonazis in einen Topf geworfen würde.

Werbung, die ankommt

Das Werbebanner „Merkel muss weg“ fand dann seine Verbreitung vor allem bei regionalen AfD und Pegida-Seiten; aber auch auf überregionalen rassistischen und rechtspopulistischen Portalen wie pi-news oder COMPACT wurde fleissig geworben. Die Banner fanden in diesen Kreisen sehr wohl ihre Zustimmung.

Ein Posting bei der Facebookseite „Pegida BW-Bodensee“ reproduzierte so z.B. am 14.2.2016 ein Foto vom Account „MERKEL MUSS WEG – DEMO Radolfzell 15.2.2016“, unter dem Angela Merkel im gleichen Atemzug mit Adolf Hitler genannt wurde.


Screenshot: Merkel im selben Atemzug mit Hitler

Ein anderes Posting vom gleichen Facebook-Account auf der eigenen Mobilisierungsseite spricht am 12. Februar im Nazijargon von der „Umvolkung“ und der „Auslöschung des eigenen Volkes“.


Screenshot: „Umvolkung“ (Nazijargon)

Exkurs: Strafverfolgung bei Facebook

Dass Facebook-Postings Folgen haben und oft auf die Urheber zurückverfolgt werden können, zeigt ein aktuelles Ermittlungsverfahren gegen einen Mann aus Breisach. Der Mann hatte auf der Facebookseite des Südkuriers unter einer Nachricht zum Merkelbesuch geschrieben: „Hoffentlich erschießt sie dann endlich jemand…“ – eine Aufforderung zu einer Straftat, die mit einer Bewährungsstrafe oder Geldstrafe in Höhe von mehreren Tausend Euro geahndet werden kann.

In diesem gesellschaftlichen Umfeld eine Kundgebung anzumelden, heisst eben auch, dass man für solche oder ähnliche Hetze zur Verantwortung gezogen werden kann. Aus diesem Grund sind womöglich auch die Facebookauftritte von „Merkel muss weg“ und „Singen sagt Nein zum Asylantenheim“ mittlerweile aus dem Netz verschwunden. Update 24.2.2016: Die Facebook-Seite „Singen sagt Nein zum Asylantenheim“ wurde offenbar von Facebook selbst gelöscht ( Vgl. folgenden Südkurier Artikel: Facebook löscht Seite von Flüchtlingsheim-Gegnern aus Singen)

(Neo-)Nazigegenstände mitgeführt

Auch im Vorfeld der „Merkel muss weg“ – Kundgebung scheint die potentielle Strafverfolgung ein Thema gewesen zu sein, bat doch ein Kommentar vorsichtshalber: „Bitte an der Demo beachten…das keine Nazigegenstände mitgeführt werden…da wir keine rechte Demonstration veranstalten.“ Das scheint ein notwendiger Hinweis von jemandem zu sein, der seine Pappenheimer kennt.


Screenshot: „Bitte keine Nazigegenstände mitführen“

Nur klingt das leider immer noch so, als wäre man froh um die Teilnahme eines jeden überzeugten Neonazis, wenn er denn seine Nazidevotionalien das eine Mal zu Hause lässt. Doch Teilnahme von Neonazis wird nicht nur toleriert sondern geradezu angestrebt, wie folgende Screenshots zu Tage fördern:

Der erste stammt vom Facebookauftritt der Neonazigruppe „Kameradschaft Höri Bodensee“ – inhaltlich nicht weit entfernt von der neonazistischen Partei „Der II. Weg“, die prominent verlinkt wurde. Andrea Z. hätte offenbar gerne gesehen, dass die MacherInnen oder LeserInnen dieser Seite ebenfalls am 15.2. nach Radolfzell kommen und weshalb sie den Termin dort ankündigt.


Andrea Z. lädt Neonazis zur Demo am 15.2. nach Radolfzell

Der zweite Screenshot stammt von der Facebookseite von Tim Belz, dem Kreisvorsitzenden der NPD Konstanz-Bodensee.


Screenshot: Werbung auf der Facebookseite von Tim Belz (NPD-Konstanz-Bodensee) als oberster Visitor Post

Die Werbung für ihre Radolfzeller Kundgebung wurde aus dem Umfeld der OrganisatorInnen gepostet von einer Person mit dem Facebook-Account „Johann D.“ Sie stand dort zeitweise prominent als oberster Visitor Post. Von Tim Belz gibt es im Internet Fotos, auf denen er dem – in letzter Zeit nicht mehr ganz so aktiven – St. Georgener Neonazi Ralph Kästner die Hand schüttelt. Dieser war jüngst bei einer Razzia anlässlich des Verbots der rechtsextremen Altermedia-Website festgenommen worden.

Die Figur oder den Account „Johann D.“ scheint Andrea Zürcher gut zu kennen, heisst es doch in einem Südkurier-Artikel:

„Erstellt worden sei die Facebook-Veranstaltung ohnehin, so erklärt es Zürcher, unter dem Facebook-Account Johann D. Von dem wird vermutet, dass er hinter der Facebook-Gemeinschaft „Singen sagt Nein zum Asylantenheim“ steckt – die klar rechtsgerichtet ist.“

Quelle: Demo bei Merkel-Besuch: Des Volkes laute Stimme (Südkurier, 17.2.2016)

Doch einzelne Teilnehmer der Radolfzeller „Merkel muss weg“ – Kundegbung sympathisieren mit einer Partei die nochmals rechts von der NPD zu verorten ist: Auf verschiedenen Fotos und Videos der Kundgebung sind die Plakate der neonazistischen Kleinstpartei Der III. Weg zu sehen.

Plakate von COMPACT – ein Querfrontmagazin des Rechtspopulisten Jürgen Elsässer

Es wurden am Montag Abend neben dem grossen Fronttranspi „Merkel muss weg“ und diversen Merkel-Verbotsschildern auch Plakate mit „Asyl-Terror stoppen“, „Rapefugees not welcome“ sowie ein Merkelfoto mit dem Text: „Die Königin der Schlepper“ gezeigt. Letzteres trug auch Andrea Zürcher demonstrativ während der Kundgebung zur Schau.
Das Motiv stammt vom COMPACT-Magazin des Querfrontprojekts von Jürgen Elsässer. Dies lässt immerhin eine inhaltliche Nähe zu diesem Rechtspopulisten vermuten, der einmal im Jahr 2012 eine „Privataudienz“ beim damaligen iranischen Staatspräsidenten und Holocaustleugner Mahmud Ahmadinejad in Teheran hatte.

Salbungsvolle Flüchtlingshetze von Pfarrer Tscharntke – wurde uns zum Glück erspart

Laut Facebookseite „Merkel muss weg“ sollte eigentlich Jakob Tscharntke, seines Zeichens freikirchlicher Pfarrer aus Riedlingen, eine Rede auf der Kundgebung halten, der war jedoch „terminlich“ verhindert. Was sucht dieser Pfarrer in Radolfzell? Nun, der Fall Tscharntke ging im November 2015 schon mal durch die Presse, nachdem er in seinen Predigten gegen Flüchtlinge und Angela Merkel gehetzt hatte. Er wurde angezeigt und sowohl die Gemeinde Riedlingen als auch seine Freikirche hatten sich in der Folge von ihm distanziert. Für Andrea Zürcher ist er jetzt womöglich ein Held.

Wutbürger in Aktion – Hasstiraden und sexistische Beschimpfungen

Die Nasen haben eine Menge Lärm gemacht mit Trillerpfeifen und Sprechchören und waren insgesamt deutlich lauter als die Gegenseite. In den von den Demonstranten selbstgedrehten Videos waren geiffernde Hasstiraden und übelste sexistische Beschimpfungen, die hier nicht wiederholt werden sollen, zu vernehmen, mit denen u.a. Angela Merkel bei Ankunft und Abfahrt tituliert wurde. Die Organisatoren werteten dies später als einen grossen Erfolg. Vermutlich hat es auch Andrea Zürcher gefallen.

Zahlenspielereien

Der Erfolg sollte noch ein wenig mehr hermachen, so dass bald von 500 (pi-news) dann 700 (Pegida BW Bodensee) und irgendwo auch noch von 1000 TeilnehmerInnen zu lesen war. Um dies plausibler zu machen, verwies man auf die virtuellen Teilnahmeankündigungen bei Facebook, die sich in der realen Welt aber nicht umsetzten.

Glaubwürdiger sind da die Zahlen von Polizei und Südkurier, die von 200 TeilnehmerInnen bei der „Merkel muss weg“ – Kundgebung und 50 TeilnehmerInnen bei der Gegenkundgebung sprechen.

Die Gegenseite

Die Gegenseite hatte schlecht mobilisiert – es sah nach einer kurzfristigen Anmeldung und vermutlich etwas Werbung im Freundeskreis aus. Vereinzelt gab es „Refugees welcome“-Plakate und ein paar Flüchtlinge dankten Radolfzell öffentlich für ihre Aufnahme. Auf den gezeigten Plakaten stand „Helfen statt schießen“, „No Pegida No Afd, wir schaffen das“, „Ohne Afd & Pegida schaffen wir das“, etc.. Es gab auch laute „Nazis raus“ Sprechchöre.

Ein weitere, angemeldete Demonstration aus SPD-Kreisen kam zwei Tage zu spät. An ihr sollen laut Südkurier am Mittwoch 150 Personen teilgenommen haben.

Schändung der Gedenkstätte am ehem. SS-Schießstand von Radolfzell

Die Gedenkstätte am Radolfzeller SS-Schießstand wurde wieder einmal geschändet. Diesmal wurde das offen ausgelegte Gedenkbuch verbrannt, das es BesucherInnen der Gedenkstätte erlaubt, ihre Gedanken schriftlich festzuhalten. Es wurde Anzeige erstattet.


Verbranntes Gedenkbuch am ehem. SS-Schießstand von Radolfzell, Januar 2016

Bereits vor einer Woche wurde bekannt, dass an der Gedenkstätte offenbar eine mutwillige Sachbeschädigung stattgefunden hat. Das Gedenkbuch, das unterhalb der im Jahr 2010 angebrachten Gedenktafel aushing, wurde bis auf den Buchrücken verbrannt (siehe Foto vom 21.1.2016). Neben Resten von Sylvesterböllern wurden in der Nähe auch Hakenkreuzschmierereien entdeckt.

Es war an dieser Gedenkstätte in der Vergangenheit bereits mehrfach zu teils massiven Beschädigungen und Zerstörungen gekommen. Dies betraf sowohl frühere Ausgaben des Gedenkbuchs, die Gedenktafel selbst als auch die den Kurz- und Langbahnen vorgelagerte Informationstafel, die im Jahr 2012 im Rahmen einer offiziellen Gedenkveranstaltung der Stadt Radolfzell übergebenen worden war. Letztere war im Jahr 2012 durch einen schweren Gegenstand eingedrückt worden. Bislang hat die Stadt Radolfzell den Schaden nicht behoben.

Quelle: http://radolfzell-ns-geschichte.von-unten.org

http://radolfzell-ns-geschichte.von-unten.org/ss-schiessanlage#beschadigungen_an_informationstafel_und_gedenkbuch

Bundesweite Mahnwachen zum 9. November

Sowohl die Konstanzer als auch die Radolfzeller Stolpersteininitiativen nehmen dieses Jahr wieder an der bundesweiten Mahnwache zum Gedenken an die Reichspogromnacht am 9. November 1938 teil. Bei dieser Mahnwache werden am 9. November in der Zeit von 18.00 – 18.30 Uhr Stolpersteine in allen beteiligten Städten zeitgleich geputzt und zum Gedenken werden an jedem Stein Kerzen entzündet und Blumen niedergelegt. An vielen Stolpersteinen wird auch über die Biographie des Opfers informiert. Die Mahnwache steht unter dem Motto „Den Toten ehrendes Gedenken und Mahnung für heute!“.

Radolfzell

Um 18 Uhr treffen sich die Radolfzeller UnterstützerInnen auf dem Seetorplatz beim Gurs-Stein. Sie werden an die Opfer des 9. und 10. Novembers 1938 erinnern. Damals gingen von der ehemaligen Radolfzeller SS-Kaserne die Zerstörungen der Synagogen in Konstanz, den Landgemeinden der Höri und im Hegau sowie die Misshandlungen zahlreicher jüdischer Einwohner aus.

Danach schliesst sich die Radolfzeller Stolpersteininitiative der bundesweiten Mahnwache an und gedenkt aller Opfer des nationalsozialistischen Regimes mit einer öffentlichen Reinigung der 16 Stolpersteine, die im Juni 2014 und im September 2015 in Radolfzell verlegt wurden.

Wer sich hieran beteiligen möchte, kann sich zur besseren Koordinierung bei info @ stolpersteine-radolfzell.de anmelden.

Konstanz

Auch in Konstanz beginnt die Putzaktion um 18 Uhr und dauert etwa eine halbe Stunde. Angesichts der zahlreichen Konstanzer Stolpersteine wurde die Stadt in mehrere Bereiche aufgeteilt und verschiedenen Bezugspersonen zugeordnet, die jeweils in ihrem Bereich die PutzhelferInnen koordinieren.

Konstanz bietet zudem folgendes Rahmenprogramm:

  • 8.11. 10 – 12 Uhr: Führung „Spuren der NS-Gewaltherrschaft auf dem jüdischen Friedhof und dem Hauptfriedhof von Konstanz“
  • 9.11., 19:30 Uhr: Vortrag von Prof. Dr. Jürgen Klöckler: Radikalisierungsschübe ‚von unten‘. Die Rolle der Konstanzer Stadtverwaltung bei der Entrech­tung, Enteignung und Deportation der Juden im Nationalsozialismus. Kulturzentrum am Münster, Wolkensteinsaal.
  • 14.11., 19:30 Uhr: Lesung mit Helmut Straub. Kulturzentrum am Münster, Gewölbekeller. Finissage der Ausstellung zum Lager Gurs
  • 20.11., 14:30 Uhr. Stadtführungen zu ausgewählten Stolpersteinen anhand von Kurzbiografien mit Schwerpunkt „Jüdische Menschen in Konstanz“.

Video zur Mahnwache: https://www.youtube.com/watch?v=p5j_3DKzfT8

http://www.9ternovember.de

Quelle: http://stolpersteine-konstanz.de, http://stolpersteine-radolfzell.de

Veranstaltungsbericht zum Grafeneck-Vortrag von Thomas Stöckle letzten Dienstag in Radolfzell

Die Vortragsveranstaltung des Gedenkstättenleiters von Grafeneck, Thomas Stöckle, war gut besucht, die Größe der Aula der Teggingerschule passte zur Zahl der Anwesenden. Hervorzuheben ist, dass sich unter ihnen auch Angehörige von Radolfzeller Opfern der Euthanasiemorde befanden.

Markus Wolter, Historiker und Mitglied der Initiative „Stolpersteine in Radolfzell“, führte mit viel Einfühlungsvermögen und Sachverstand durch den Abend. Er sprach die Begrüßung und führte kurz in das Thema und dessen Bedeutung für Radolfzell ein.

Sodann gab Herr Stöckle einen gründlichen und umfassenden Überblick über die Geschichte des ehemaligen Samariterstiftes Grafeneck. Den Schwerpunkt der Darstellung nahm selbstverständlich die gut einjährige Phase von 1939 bis 1941 ein, in der Grafeneck als NS-Tötungsanstalt im Rahmen der (Mord)- Aktion T4 1) fungierte. Das Täterpersonal hatte das Schloss bereits im Okoer 1939 bezogen und mit den Umbauten zur Tötungsanstalt begonnen, das Morden vollzog sich in Grafeneck zwischen dem 18. Januar und 13. Dezember 1940. In dieser Zeit wurden auf der Schwäbischen Alb, also quasi direkt vor unserer Haustür, 10.654 Menschen – Männer, Frauen und Kinder – mit geistiger Behinderung ermordet. Herr Stöckle bezeichnete diesen Vorgang treffend als ein „arbeitsteiliges staatliches Großverbrechen“.

Diese Zahl 10.654 entspricht in etwa der Hälfte der damaligen Insassen der betroffenen Heil- und Pflegeanstalten, was deutlich macht, dass nicht wahllos gemordet wurde. Vielmehr wurden bestimmte Kriterien angelegt, die einerseits in der Naziideologie des „gesunden Volkskörpers“, den es eugenisch von allem Kranken zu reinigen galt, begründet waren; andererseits wurden diese Motive aber stark überlagert von Kosten-Nutzen-Überlegungen in Bezug auf die Insassen der Pflegeheime, von Bewertungen ihrer Arbeitskraft und der Vorstellung von „lebensunwertem Leben“, wie es im Jargon der Täter hieß.

Herr Stöckle versäumte es nicht, die wichtigsten Akteure dieser Mordaktion beim Namen zu nennen, so z.B. den Bereichsleiter Philipp Bouhler oder den Chirurgen Dr. med. Brandt, die sich diensteifrig den Befehl von Hitler persönlich und schriftlich geben liessen – weit entfernt von einem heute allzuoft vermuteten Befehlsnotstand. Etwa 100 Täter, darunter viel Pflegepersonal aus den Heilanstalten, Schreibkräfte, einige Ärzte, Polizeibeamte, Wachmannschaften, Transportpersonal, usw. sind recherchiert worden aber noch mehr Personen waren in irgendeiner anderen Form beteiligt, ohne dass man sie zum engeren Kreis der Täter zählen konnte. Einige wenige wehrten sich gegen das Morden, klagten an oder gaben eine Leitungsposition in diesem Rahmen auf – auch das war möglich.

Es wurde von Herrn Stöckle herausgearbeitet, dass trotz aller Geheimhaltung rund um die „Aktion T4“, heute kein Zweifel mehr bestehen kann, dass sehr viele sehr früh um die Verbrechen wussten, die hinter den Mauern von Grafeneck begangen wurden. Vielen Außenstehenden war schon nach wenigen Wochen klar, dass dort gemordet wurde, und warum die Verbrennungsöfen von Grafeneck rauchten. Es sprach sich in den Pflege-Institutionen herum, beim Leitungspersonal und den Angestellten, man sprach in der Umgebung von Grafeneck und auch die Angehörigen stiessen bald auf Ungereimtheiten in den wie am Fließband verfassten Todesnachrichten mit geheuchelten Beileidsbekundungen und der vermeintlich Trost spendenden Lüge vom „guten Tod“ oder dem „Gnadentod“.

Den Angehörigen wurden die Deportationen in die Tötungsanstalt verheimlicht, die Todeszeitpunkte wurden gezielt gestreut, Todesort und Todesursache, selbst ärztliche Unterschriften waren gefälscht, wie fast alles, was von den Nazis in diesem Zusammenhang zu Papier gebracht wurde und überliefert ist. Der Historiker Stöckle sensibilisierte in seinem Vortrag mit solchen Hinweisen mehrfach für die Schwierigkeiten bei der Quellenlage und den bis heute überlieferten Akten. Zeitzeugen die in der Zeit direkt nach dem Zweiten Weltkrieg noch freimütig erzählten, verstummten schnell, Täter gerierten sich in den wenigen Prozessen rund um die Euthanasiemorde als mutige Menschen, die angeblich tapfer in den Institutionen blieben um dort Schlimmeres zu verhindern.

Das sehr interessierte Publikum folgte dem Vortrag gebannt – man konnte die Spannung im Saal beinahe greifen. Die Wortbeiträge in der auf den Vortrag folgenden, über eine Stunde andauernden Diskussion, zeugten von Sachverstand und Fassungslosigkeit über jahrzehntelanges Schweigen, gerade auch in Radolfzell.

Es war in mehrfacher Hinsicht ein sehr gelungener Abend und es ist zu hoffen dass weitere solche Abende folgen.

Herzlich sei nicht zuletzt auch der Tegginger Schule gedankt, die Ihre Aula für diese aktuelle und wichtige Veranstaltung zur Verfügung gestellt hat. Aktuell ist sie, weil am Freitag, den 11. September 2015, in Radolfzell erstmals mit der Stolpersteinverlegung für Anna Maria Ronkat an ein Opfer der Euthanasiemorde erinnert wird.

Wer den Vortrag verpasst hat, kann vieles in dem hier verlinkten Dokument der Landeszentrale für Politische Bildung Baden-Württemberg nachlesen, das Herr Stöckle zur Lektüre empfiehlt: Materialien Grafeneck 1940: „Wohin bringt ihr uns?“ NS-“Euthanasie“ im deutschen Südwesten. Geschichte. Quellen. Arbeitsblätter (PDF 2,4 MByte)

Ebenfalls zur vertiefenden Lektüre geeignet und im Buchhandel erhältlich ist die Monografie von Thomas Stöckle: Grafeneck 1940. Die Euthanasie-Verbrechen in Südwestdeutschland. Silberburg Verlag, 2005. ISBN 978-3-87407507-7.

⇒ Vgl. auch den Artikel von Natalie Reiser im Südkurier vom 10.9.2015: Stolpersteine für Euthanasie-Opfer.

1) T4 steht für den Ort der Berliner Befehlszentrale in der Tiergartenstr. Hausnummer 4

Quelle: http://radolfzell-ns-geschichte.von-unten.org

Hinweis: Am Montag, den 14.9.2015 wird der Vortrag nochmal um 19.30 Uhr im Astoriasaal des Kulturzentrums am Münster, Konstanz gehalten.

Grafeneck 1940 – Geschichte und Erinnerung

Vortrag von Thomas Stöckle (Historiker und Gedenkstättenleiter von Grafeneck) am Montag, 14.9.2015 um 19.30 Uhr im Astoriasaal des Kulturzentrums am Münster, Konstanz sowie am 8.9.2015 um 19 Uhr in der Teggingerschule Radolfzell

Tötungsanstalt GrafeneckDer Vortrag beschreibt im ersten Teil die NS-„Euthanasie“-Verbrechen in Südwestdeutschland. Was waren die Hintergründe für dieses Verbrechen, was die Motive der Täter und wer waren die Opfer von Grafeneck? Im zweiten Teil wird der Frage nach dem Umgang mit dieser Geschichte nachgegangen. Welche Geschichte hat Grafeneck nach 1945, was geschah mit den Tätern und wie entwickelte sich die Gedenkstätte zu einem Ort mit heute über 20.000 Besuchern im Jahr?

Grafeneck ist ein Schlossbau der württembergischen Herzöge auf der Schwäbischen Alb – Landkreis Reutlingen. Im 16. Jahrhundert von Herzog Christoph als Jagdschloss errichtet und Mitte des 18. Jahrhunderts von Karl Eugen zu einer prachtvollen Barockanlage umgestaltet, übernahm es 1929/30 die evangelische Samariterstiftung Stuttgart (heute Nürtingen) zum Aufbau eines Behindertenheims, dem Samariterstift Grafeneck. Bei Kriegsbeginn wurde Grafeneck beschlagnahmt und in eine Mord- und Vernichtungsanstalt umgewandelt – die erste Vernichtungsstätte auf deutschem Boden, in der industriell gemordet wurde. Am 18. Januar 1940 begannen in einer Gaskammer in Grafeneck die systematischen Tötungen der „Aktion T4“, denen bis Dezember desselben Jahres 10.654 in Grafeneck, und bis August 1941 reichsweit über 70.000 geistig behinderte und psychisch kranke Menschen – von den Tätern als „lebensunwertes Leben“ bezeichnet – zum Opfer fielen.

Nach jahrzehntelangem Schweigen entstand 1990 – 50 Jahre nach den „Euthanasie“-Morden – unter dem Motto: Das Gedenken braucht einen Ort, die Gedenk­stätte Grafeneck. Seit Oktober 2005 wird die Gedenkstätte durch ein Dokumentationszentrum ergänzt. Für das Land Baden-Württemberg hat der Ministerpräsident die Schirmherrschaft übernommen. Die Gedenkstätte Grafeneck ist heute Teil einer „Gedenklandschaft“ von Orten, die an die Opfer der nationalsozialistischen „Euthanasie“ erinnern.

Thomas Stöckle, geb. 1964 in Geislingen an der Steige, ist Historiker und Leiter der Gedenkstätte Grafeneck. Veröffentlichungen zur südwestdeutschen Landes­geschichte, Nationalsozialismus und NS-„Euthanasie“-Verbrechen (zuletzt: Grafeneck 1940. Die Euthanasie-Verbrechen in Südwestdeutschland, Tübingen 2012). Mitglied des Sprecherrats der Gedenkstätten und des Gedenkstättenbeirats Baden-Württemberg.

Hinweis:

Der Vortrag wird im Rahmenprogramm der Konstanzer Stolpersteinverlegung am Tag zuvor gehalten. Aus diesem Grund kommt es zu Beginn der Veranstaltung zur offiziellen Übergabe der „Stolpersteine“ an die Stadt Konstanz.

Quelle: http://stolpersteine-konstanz.de

Vortrag und Stolpersteinverlegung auch in Radolfzell

Thomas Stöckle hält einen ähnlichen Vortrag bereits am 8. September in Radolfzell. Dort findet die Veranstaltung um 19 Uhr in der Aula der Teggingerschule statt.

Auch in Radolfzell werden im September 8 weitere Stolpersteine verlegt. Mit dem Stolperstein für Anna Maria Ronkat wird – 75 Jahre nach den NS-„Euthanasie“- und Krankenmorden in Grafeneck 1940 – erstmals an ein Radolfzeller Opfer dieses Menschheitsverbrechens erinnert. Bislang konnten 12 Biografien von Männern, Frauen und Kindern aus Radolfzell recherchiert werden, die in der NS-Tötungsanstalt Grafeneck 1940 ermordet wurden. Für sie sind weitere Stolpersteinverlegungen im Jahr 2016 geplant.

Quelle: http://stolpersteine-radolfzell.de

Rechtsextremistische Aktion in Radolfzell am 8. Mai 2015

Pressemitteilung

Die Initiative „Stolpersteine in Radolfzell“ wurde darüber informiert, dass am 8. Mai, dem 70. Jahrestag des Kriegsendes und der Befreiung vom Nationalsozialismus, am Radolfzeller Kriegerdenkmal und an zwei weiteren Stellen der Stadt eine öffentliche „Gedenkfeier“ von Rechtsradikalen abgehalten wurde.

Regionale Neonazis („Freie Nationalisten“) und Mitglieder der seit 2013 bundesweit agierenden rechtsextremen Partei „Der III. Weg“ legten unter anderem am 1938 eingeweihten NS-„Ehrenmal“ am Luisenplatz Grablichter und Blumen ab und brüsten sich nun damit auf ihrer Homepage in Wort und Bild. Dort kommentieren sie die Aktion als „würdiges Gedenken“ für die „Gefallenen unseres Volkes“, wobei die nationalsozialistischen Verbrechen geleugnet und die Alliierten als die eigentlichen „Kriegsverbrecher“ bezeichnet werden. Außerdem wird auf dieser Seite in unerträglicher Weise gegen Ausländer gehetzt. Diesen menschenverachtenden und fremdenfeindlichen Parolen muss Einhalt geboten werden.

Es darf nicht geduldet werden, dass der Luisenplatz wieder zu einem Treffpunkt für Ewiggestrige und Neonazis wird und die unsägliche „Tradition“ der bis weit in die 70er Jahre organisierten Treffen des SS-Traditionsverbands HIAG eine Neuauflage erfährt. Nicht zuletzt muss geprüft werden, ob mit der Neonazi-„Gedenkfeier“ am Luisenplatz und ihrer Dokumentation im Internet strafrechtlich relevante Taten vorliegen (§ 130 StGB).

Initiative „Stolpersteine in Radolfzell“, 21.5.2015
http://stolpersteine-radolfzell.de
info @ stolpersteine-radolfzell.de

Sammelabschiebung aus Baden-Württemberg am Tag der Deportation der Sinti und Roma nach Auschwitz

Am Dienstag, den 24.3.2015, wurden 101 Flüchtlinge aus Baden-Württemberg über den Baden-Airport nach Serbien und Mazedonien abgeschoben. In vier Freiburger Flüchtlingsheimen haben zahlreiche FreiburgerInnen in der Nacht von Montag auf Dienstag versucht, Abschiebungen aus Freiburg zu verhindern, was jedoch nicht gelang. Am Tag nach der Abschiebung protestierte eine Mahnwache auf dem Rathausplatz in Freiburg.

Die rot-grüne Landeregierung scheute sich nicht, die Sammelabschiebung just am 72. Jahrestag der Deportation der Sinti und Roma nach Auschwitz durchzuführen. Am 24.3.1943 fuhr der Todeszug ab Radolfzell und deportierte u.a. auch 10 Sinti aus Singen und Radolfzell (Familie Winter), sowie 10 Sinti aus Schwandorf/Stockach (Familie Reinhardt). Bis auf zwei Überlebende starben alle bald nach ihrer Ankunft unter den katastrophalen Lebens- und Versorgungsbedingungen des Lagers oder wurden in den Gaskammern ermordet.

Ausführliche Informationen dazu finden sich auf der Seite der Initiative für Offenes Gedenken in Radolfzell.

Wir geben hierzu einen Text des Freiburger Forum – aktiv gegen Ausgrenzung vom 21.3.2015 wieder.

Sammelabschiebung am Jahrestag (24. März) der Deportation von Roma und Sinti nach Auschwitz

Am Dienstag, den 24. März, soll erneut eine Sammelabschiebung vom Baden-Airpark nach Serbien und Mazedonien stattfinden. Betroffen sind wieder zahlreiche Angehörige der diskriminierten Minderheit der Roma. Die Abschiebung findet am 72. Jahrestag der Deportation von Sinti und Roma aus Baden-Württemberg nach Auschwitz statt. Das Freiburger Forum kritisiert die darin deutlich zutage tretende geschichtspolitische Heuchelei und moralische Verkommenheit von Landes- und Bundesregierung und kündigt Proteste an.

In Folge eines Erlasses von SS-Führer Heinrich Himmler vom 16. Dezember 1942 wurden in Süddeutschland ab dem 15. März 1943 zahlreiche Sinti und Roma inhaftiert. Anschließend wurden sie mit einem Zug in das neu errichtete sogenannte „Zigeunerfamilienlager“ Auschwitz-Birkenau B II e verschleppt, wo die meisten von ihnen ihren Tod fanden. Abfahrt in Offenburg war am 24. März 1943 um 18.39 Uhr.

72 Jahre später, just an diesem Tag, findet eine Sammelabschiebung in elende und diskriminierende Verhältnisse statt, bei der zahlreiche Menschen nachts gegen ihren Willen aus den Betten gerissen werden, um sich ein paar Stunden später an einem völlig anderen Ort wiederzufinden. In Serbien und Mazedonien sind insbesondere Roma oftmals massiver Diskriminierung ausgesetzt. Auch wenn es sich bei dem Zusammenfall der beiden Daten wahrscheinlich um einen unbeabsichtigten Zufall handelt, tritt in ihm die Heuchelei von Landes- und Bundesregierung deutlich zutage. Während einerseits inzwischen die historische Verantwortung anerkannt und betont wird, werden Roma andererseits als „Wirtschaftsflüchtlinge“ diffamiert und in menschenunwürdige Zustände abgeschoben, wie der Fall der Familie Ametovic zuletzt verdeutlicht hat.

„Der von der Landesregierung abgeschlossene Staatsvertrag scheint nur ein Lippenbekenntnis zu sein. Wenn die Landesregierung es mit ihrer historischen Verantwortung gegenüber Roma ernst meinen würde, müsste sie die Abschiebungen sofort aussetzen und ein humanitäres Bleiberecht erlassen“, erklärt Juliane Schubert vom Freiburger Forum aktiv gegen Ausgrenzung.

Die Gruppe, die sich ehrenamtlich für Geflüchtete einsetzt, hat einen offenen Brief an die Landesregierung verfasst, der auf ihrer Homepage mitgezeichnet werden kann. In dem Brief wird ein Bleiberecht für Roma aus dem ehemaligen Jugoslawien aus historischer und humanitärer Verantwortung gefordert.

Am 24. März jährt sich noch ein Tag, der für den Balkan und insbesondere die Roma von großer Bedeutung war. Am 24. März 1999 begann der völkerrechtswidrige Natokrieg gegen Ex-Jugoslawien, der die Lage der Roma dort noch einmal verschlechterte. Die Grünen und SPD tragen durch ihre damalige Regierungsbeteiligung und die Rolle von Joschka Fischer ebenfalls eine Mitverantwortung, die die grün geführte Landesregierung eigentlich davon abhalten sollte, an einem solchen Termin Menschen in diese Region abzuschieben.

Für den kommenden Dienstag ruft das Freiburger Forum mit weiteren antirassistischen Gruppen aus Baden-Württemberg zu Protesten am Baden-Airpark auf. Sollte es in Freiburg zu Abschiebungsversuchen kommen, wird es Aktionen zivilen Ungehorsams geben.

„Wo Unrecht zu Recht wird, wird Widerstand zu Pflicht. Das galt damals, und das gilt auch heute“.

Freiburger Forum – aktiv gegen Ausgrenzung (21.03.2015)

Quelle: http://www.freiburger-forum.net/2015/03/sammelabschiebung-am-jahrestag-24-maerz-der-deportation-von-roma-und-sinti-nach-auschwitz/

Offener Brief: Winterabschiebestopp ohne Sonderregelungen in Baden-Württemberg

Drei Asylgruppen aus dem Kreis Konstanz fordern in einem Offenen Brief die grün-rote Landesregierung von Baden-Württemberg auf, einen Winterabschiebestopp zu erlassen, der weiter reicht und weniger Ausnahmen zulässt als der vorübergehende Abschiebestopp des letzten Jahres. Der Abschiebestopp soll sich auf Flüchtlinge aus den Ländern Bosnien-Herzegowina, Serbien und Mazedonien beziehen.

Hier der Offene Brief im Wortlaut:

Sehr geehrter Herr Ministerpräsident Kretschmann,
Sehr geehrter Herr Innenminister Gall,
Sehr geehrte Mitglieder der Landesregierung Baden-Württemberg,

nach der Anerkennung der Balkanländer Bosnien-Herzegowina, Serbien und Mazedonien als so genannte „sichere Herkunftsstaaten“ stehen viele Roma – häufig Familien mit Kindern im schulpflichtigen Alter, die schon seit Jahren in Deutschland zur Schule gehen – konkret vor der Abschiebung.

Wie Ihnen sicherlich bekannt ist, sind Roma vielfältigen Diskriminierungen in ihren Heimatländern ausgesetzt. In den meisten Fällen haben sie weder eine menschenwürdige Unterkunft, noch die Möglichkeit zu arbeiten und sich und ihre Familien selbst zu versorgen. Meist wird ihnen auch der Zugang zu sozialer Hilfe und medizinischer Versorgung unmöglich gemacht. Der auf dem Balkan bekanntermassen besonders harte Winter steht vor der Tür und erschwert die Situation der in ihre Herkunftsländer abgeschobenen Flüchtlinge zusätzlich. Insbesondere die häufig drohende Obdachlosigkeit im Falle einer Abschiebung macht eine Abschiebung in den Wintermonaten zu einem besonderen humanitären Härtefall.

Wir fordern daher, dass Baden-Württemberg im Winter keine Flüchtlinge in die Balkanstaaten abschiebt. Wir hoffen, dass die grün-rote Landesregierung ihren humanitären Verpflichtungen hier Vorrang gewährt vor einer menschenrechtlich fragwürdigen Abschiebepolitik.

Eine solche Regelung muss weit über die Regelung des letzten Jahres hinausgehen. Es darf insbesondere nicht erneut Sonderregelungen für kinderlose Paare und Einzelpersonen geben, sowie für Asylfolgeantragsteller oder Personen, welche nach einem gewissen Stichtag eingereist sind. All diese Sonderregeln hatte Baden-Württemberg letztes Jahr als einziges Bundesland aufgestellt und eine ausreichende Begründung für diese Ausnahmen nicht liefern können.

Ebenso sollte der Winterabschiebestopp wieder bis Ende, statt Anfang März gewährt werden, da insbesondere der März auf dem Westbalkan niedrige Temperaturen aufweist. Diese Regelung war unter der CDU-geführten Vorgängerregierung durchaus üblich und es ist unverständlich, warum ausgerechnet eine grün-rote Landesregierung hier humanitäre Verschlechterungen einführt.

Wir fordern Sie auf, den Schutz vor Abschiebungen dieses Jahr umfassend und bedingungslos zu gewähren.

Wir hoffen, dass die grün-rote Landesregierung zu einem humanitären Kurs in der Flüchtlingspolitik zurückfindet und keine Mitglieder der meistdiskriminierten Volksgruppe Europas und einer der größten Opfergruppen des nationalsozialistischen Terrors im Winter in die fast sichere Obdachlosigkeit abschiebt.

Aktionsbündnis Abschiebestopp Konstanz
Freundeskreis Asyl Radolfzell
Aktionsbündnis Abschiebestopp Konstanz

Quelle: http://abschiebestoppkn.blogsport.de/

Bundesweite Mahnwache an den Stolpersteinen

Anlässlich der Reichspogromnacht am 9. November 1938 finden am Sonntag, 9.11.2014, gegen 18 Uhr bundesweit Mahnwachen und Stolperstein-Putzaktionen statt – u.a. auch in Konstanz und Radolfzell

Aus dem Konstanzer Aufruf:

Möchten auch Sie in dieser Zeit einen Stolperstein betreuen ? Informationen zum Ablauf der Mahnwache finden Sie hier. Gerne können Sie sich der Konstanzer Stolperstein Initiative oder mit der für den von Ihnen ausgewählten Stein verantwortlichen Kontaktperson in Verbindung setzen.

Video zur Mahnwache

Bitte beachten Sie beim Putzen die Gebrauchsanweisung zum Putzen um die Steine nicht zu beschädigen.

Aus dem Radolfzeller Aufruf:

In Radolfzell beginnt die Mahnwache bereits eine halbe Stunde früher. Am 9.11.2014 um 17:30 Uhr erinnern Mitglieder der Stolperstein-Initiative am Mahnmal vor dem RIZ an die Opfer des 9. und 10. Novembers 1938. Damals gingen von der Radolfzeller SS-Kaserne die Zerstörungen der Synagogen in Konstanz, in den Landgemeinden der Höri und im Hegau aus sowie die Misshandlungen zahlreicher jüdischer Einwohner. (Siehe Dokumentation)

Im Anschluss werden im Rahmen der bundesweiten Mahnwache zum Gedenken der Reichspogromnacht die im Juni des Jahres verlegten Stolpersteine geputzt.

Vgl. http://stolpersteine-radolfzell.de