Anarchie! Fakten und Fiktionen

Noch bis zum 4.9.2016 wird im Zürcher Strauhof die Ausstellung „Anarchie! Fakten und Fiktionen“ gezeigt. Sie ist ein Versuch, kursorisch die verschiedensten Zugänge zum Anarchismus auf zwei Etagen eines kleinen Museums zu versammeln.

Wer beim Besuch dieser Ausstellung eine systematische Einführung oder einen gründlichen Überblick über die zahlreichen Facetten des Anarchismus erwartet, wird vielleicht enttäuscht werden. So ein Vorhaben wäre auch von vornherein zum Untergang verdammt. Wer allerdings unvoreingenommen und offen in das Museum eintritt, wird mehrfach positiv überrascht sein über eine gar nicht museale Aufbereitung dieses Themas.

Wie es sich im Anarchismus gehört, wird gleich zu Beginn das Publikum zur Mitarbeit aufgefordert: In einer Wandzeitung sollen die BesucherInnen ihnen bekannte anarchistische Bands oder Interpreten sammeln. Darüber hinaus können eigene Beiträge zum Anarchismus an MuseumsmitarbeiterInnen übergeben werden, die es der Ausstellung hinzufügen. Dies funktioniert auch Online.

Das Herz der Ausstellung ist ein hell gestalteter Leseraum mit Sitzplätzen auf Holzgerüsten. An den vier Wänden befinden sich Kladden voller anarchistischer Texte, sortiert in Rubriken wie Politik, Theorie, Frauen, Schweiz, etc. Jedem dieser Texte ist ein Intro der AusstellungsmacherInnen vorangestellt, das den Text zusammenfasst und kontextualisiert. Wer möchte, kann sich jeden beliebigen Text kostenlos auf dem bereitstehenden Kopierer vervielfältigen, lochen, heften und mit nach Hause nehmen. Genial!

Oft sind diese Intros mit dem Namen Florian Eitel gezeichnet. Der Historiker Florian Eitel, der an der Universität Fribourg (CH) u.a. zum Anarchismus forscht, hat eine Dissertation mit dem Titel: „Vive la Commune libre universelle !“ : Anarchismus und Globalisierung im Tal von Saint-Imier in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts.“ geschrieben, eine Arbeit, die sich auf die starken anarchistischen Strömungen in der traditionsreichen Uhrenindustrie im Schweizer Jura bezieht.

Dieses Thema taucht auch an anderen Stellen in der Ausstellung auf, etwa wenn der experimentelle Dokumentarfilm «Uhrenarbeiter mit Werk« von Cyril Schäublin gezeigt wird. In dem Film wurden Interviews mit ehemaligen ArbeiterInnen der Uhrenindustrie nach ihrem Niedergang mit Zitaten des Anarcho-Kommunisten Piotr Kropotkin hinterlegt, der sich insbesondere aufgrund seiner Erfahrungen im Schweizer Jura zum Anarchismus bekannte.

«Ein Hirn haben heisst Anarchist sein», schreibt der Zürcher Arzt Fritz Brupbacher im Jahr 1912. Wo steht die Anarchie heute — welche Spuren hat das Streben nach einem herrschaftsfreien Leben in der Literatur und im Alltag hinterlassen? In Zusammenarbeit mit Autoren, Wissenschaftlerinnen, Künstlerinnen, Aktivisten, Schülern, Freidenkerinnen und Querulanten zeigt die Ausstellung im Strauhof Beiträge zu gelebter Anarchie, literarischen Utopien und historischen Fakten. strauhof.ch

Die Ausstellung ist noch bis zum 4.9.2016 jeweils Mi/Fr 12–18 Uhr | Do 12–24 Uhr | Sa/So 11–17 Uhr geöffnet. Der Eintritt kostet normalerweise 10 CHF bzw. ermässigt 6 CHF. An den Donnerstags-Öffnungszeiten wird ab 18 Uhr kein Eintritt mehr verlangt.

Am 17. Juli wird um 14 Uhr für zusätzliche 6 CHF eine Führung durch die Ausstellung angeboten.

Am 3.9. beteiligt sich der Strauhof an der Langen Nacht der Zürcher Museen mit dem Thema Anarchisten-Prozesse, mit Performances und einer anarchistischen Playlist, zu der man wiederum Eigenes beitragen kann.

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