5 Jahre Super-GAU in Fukushima und die menschliche Hybris

Am 11. März 2011 löste ein Erdbeben der Stärke 9 einen Tsunami aus, dem 20-tausend Menschen in Japan zum Opfer fielen. Darüber hinaus kam es zur größten Nuklearkatastrophe nach Tschernobyl.


Satellitenfoto von Fukushima Daiichi am 16. März 2011 (Wikipedia)

Erst jetzt, 5 Jahre nach der Katastrophe wird langsam klar, wie es zu der dreifachen Kernschmelze an den Blöcken 1, 2 und 3 des AKW Daiichi in Fukushima kommen konnte. In kurzen Spiegelstrichen hier nun zur Erinnerung der Weg in die Katastrophe wie er sich uns heute darstellt :

Vor dem Super-GAU

- Die AKWs von Fukushima Daiichi sind im Jahr 2011 40 Jahre alt – haben also das Ende ihrer Auslegungsbetriebsdauer erreicht. Bereits in den 70er Jahren wurden die Defizite dieses AKW-Typs bekannt: zum Einen die unzureichende Fähigkeit den Reaktorinnendruck im Katastrophenfall zu kontrollieren. Darum wurden in den 80er Jahren weltweit spezielle Ventile in diesen Reaktortyp eingebaut, mit denen Druck und damit hochradioaktiver Dampf an die Umgebung abgelassen werden kann, bevor das Containment versagt (Venting). Ein weiteres Problem war die billige, ungeschützte Lagerung der abgebrannten Brennelemente in den oberen Etagen des Gebäudes.

- Die Erdbebengefahr wurde beim Reaktorbau massiv unterschätzt. Japan liegt an einer tektonischen Bruchzone der Erdkruste, bei der sich ein Teil der pazifischen Platte unter die nordamerikanische und die eurasische Platte schiebt. Es kommt in Japan regelmäßig zu starken Erdbeben und Vulkanausbrüchen. Ein Erdbeben der Stärke 9 wurde zwar wissenschaftlich für möglich aber nicht für hinreichend wahrscheinlich gehalten.

- Die Erdkruste riss innerhalb von dreieinhalb Minuten auf einer Länge von 400 km bis in 60 km Tiefe auf. Es kam zu Plattenbewegungen von bis zu 27 m horizontal und 7 m vertikal. Das Erdbeben verursachte eine Absenkung der Küsten, z. B. um 40 cm in Onahama, Iwaki oder um bis zu 120 cm an der Oshika-Halbinsel, die japanische Hauptinsel Honshu verschob sich um 2,4 Meter nach Osten. (Wikipedia)

- Die AKW – Gebäude von Daiichi überstanden das Erdbeben und in den Reaktoren wurden die Notabschaltungen automatisch eingeleitet. Durch Erdbebebenschäden in den Schaltanlagen fiel jedoch der Strom auf dem gesamten Gelände aus. Worst case für ein AKW.

Der Super-GAU

- Zunächst sprangen die Diesel-Notfallgeneratoren auf dem AKW-Gelände an. Sie erlaubten es, die Kontrolle wieder zu erlangen – aber nur für kurze Zeit.

- 1 Stunde nach dem Erdbeben wurden weite Teile des AKW – Geländes von einem 10 Meter hohen Tsunami überspült. Die Tsunamischutzwälle von Daiichi waren nur auf eine maximale Wellenhöhe von 5,7 Meter ausgelegt. Die Wassermassen fluteten elektrische Schaltschränke und die Wechselstrom-Generatoren. Die Batterien im Keller wurden ebenfalls überspült und fielen aus.

- Stromausfall im AKW bedeutet: Die noch heißen Reaktorbrennstäbe können nicht mehr gekühlt werden, die atomare Kettenreaktion kann schnell außer Kontrolle geraten. Der Ausfall von Kommunikations-, Steuer-und Messgeräten verunmöglicht den sicheren Betrieb eines AKWs.

- In der Steuerzentrale von Fukushima Daiichi gab es keine Informationen über die Menge des verdampften Wassers und somit den Wasserstand im Reaktor, kein Wissen über die Temperatur der Brennstäbe oder die Drücke im Reaktordruckbehälter und den Leitungen, kein Wissen darüber, welche Ventile geöffnet oder geschlossen sind. Elektrische Türen liessen sich nicht mehr öffnen und die Beleuchtung fiel aus. Im unbeleuchteten Kontrollraum wurde mit Taschenlampen hantiert und darüber gerätselt, in welchem Zustand sich der Reaktor befindet.

- Keiner der Betreibermannschaft bemerkte, dass ein für solche Fälle zentrales Aggregat, der Notkondensator für die Kühlung des Reaktorkerns automatisch seine Ventile geschlossen hatte. Keiner dachte daran, diese Ventile wieder zu öffnen. Überhaupt kannte sich kein japanischer Techniker mit diesem unerwarteten Betriebszustand eines Reaktors ohne Stromversorgung aus. Die erste Strahlung trat früh aus und während der Reaktor rasch überhitzte, das Restwasser verdampfte, die Kernbrennstäbe völlig freigelegt wurden und während schließlich am Abend, nur wenige Stunden nach dem Stromausfall die Kernschmelze an Reaktorblock 1 einsetzte, wurden in Tokio noch beruhigende Pressekonferenzen abgehalten, deren Tenor war: Alles gut, keine austretende Strahlung, keine Gefahr, kein kritischer Zustand der Anlage, es werden einfach vorsorglich ein paar Maßnahmen getroffen.

- Die japanischen Techniker hatten noch nicht aufgegeben und versuchten mit ausgebauten 12 Volt Autobatterien (!) Teile der Anzeigen im Kontrollraum wieder in Betrieb zu nehmen. Die wichtigste Anzeige, die des Wasserfüllstands im Reaktordruckbehälter, zeigte als erste wieder Informationen – allerdings völlig falsche. Es wurde den Technikern ein beruhigender Füllstand knapp oberhalb der Brennelemente vorgegaukelt, während in Wirklichkeit das gesamte Wasser bereits verdampft war. Ein konstruktionsbedingter Messfehler, der gerade im kritischten Fall eines frei liegenden Reaktorkerns auftritt. Diese irreführende Messtechnik ist heute noch in zahlreichen AKWs weltweit, auch in Japan, im Einsatz obwohl das grundsätzliche Problem bekannt ist.

- Die Brennelemente des Reaktors von Block 1 glühen bei mehreren Tausend Grad Celsius, tropfen auf den Boden des Druckbehälters und arbeiten sich rasch durch die Außenwand des Druckbehälters. Das ist bereits der Super-GAU, eine Steigerung des GAUs, des größten anzunehmenden Unfalls in einem Kernkraftwerk. Doch es geht noch weiter.

- Inzwischen werden weitere Anzeigen des Kontrollraums wieder in Betrieb genommen, irgendwann zeigte ein Messgerät sogar den Reaktorinnendruck an: 6 bar – gefährlich hoch. Der Reaktordruckbehälter drohte Risse zu bekommen und sein gesamtes radioaktives Inventar an die Umgebung abzugeben. Das ließ sich nur noch mit einem geringeren Übel abwenden, dem Venting. Venting bedeutet eine kontrollierte Druckentlastung, die aber bereits riesige Mengen von Radioaktivität freisetzt – wohlgemerkt über bewohntem Gebiet und noch vor der Evakuierung der Menschen.

- Nächster Akt in diesem Schreckensszenario ist die Explosion der Reaktorgebäude in den Stunden und Tagen danach. Hochexplosiver Wasserstoff war entstanden, hatte sich unter dem Dach der Reaktorblöcke angesammelt und schließlich entzündet. Die Erschütterung der ersten Explosion warf die Techniker im entfernten Kontrollraum auf den Boden, ließ die Deckenverkleidung herunterfallen und übersäte den gesamten Innenraum, die Computer, die Steuerelektronik, die Anzeigen, die Lämpchen mit einer Staubschicht. Der Kontrollraum sah aus wie im Krieg. Die Bilder der Explosionen gingen derweil um die Welt und straften die Verharmlosungspolitik von Tepco und der japanischen Regierung Lügen.

- Wenige Stunden später folgten die Kernschmelzen in den Reaktorblöcken 3 und 2. Die zeitliche Parallelität der nun drei vollendeten Supergaus an einem Standort trug viel zum Chaos vor Ort und der praktisch totalen Unkontrollierbarkeit der Situation bei.

Nach dem Super-GAU

- Der Rest der Geschichte, eine buchstäblich never ending story, ist besser bekannt und kann in den beinahe täglichen Berichten von http://fukushima-diary.com/ oder http://www.spreadnews.de/category/fukushima/ in Deutsch und Englisch nachgelesen werden. Das englischsprachige, von einem Japaner betriebene Fukushima Diary läuft seit 5 Jahren als oberster Newsfeed in der rechten Seitenspalte von LinksRhein.

- Es ist eine Geschichte von verzweifelten Kühlversuchen, anfangs mit Feuerwehrpumpen und salzigem Meerwasser, von hunderten Tonnen radioaktiven Wassers, die täglich ins Meer vor der japanischen Ostküste laufen, von ungenügend funktionierenden Filtersystemen, die viel zu wenig Isotope aus dem verstrahlten Kühlwasser filtern um es erneut für die Kühlung verwenden zu können, von abertausenden Tonnen von dennoch ununterbrochen anfallendem radioaktiv verseuchten Wasser, die in stetig wachsenden Reihen von überdimensionalen Tankbehältern auf dem AKW-Gelände gelagert werden müssen; von mehrfachem, (un-)kontrolliertem Ablassen von radioaktivem Wasser ins Meer um anderes, noch stärker kontaminiertes Wasser in den notorisch knappen Tanks auffangen zu können; von immer wieder neuen „Zwischenfällen“ mit ungewollten Lecks, offenstehenden Ventilen, überlaufenden Behältern etc..

- Dann gab es stets die Sorge, dass eines der beschädigten und tonnenweise mit abgebrannten, aber immer noch heißen Brennelementen vollgestopften Abklingbecken in den oberen Stockwerken der Reaktorblöcke z.B. durch weitere Erdbeben beschädigt werden und sein Kühlwasser verlieren könnte – das Abtragen des Schutts und der Stahlträger, das hakelige Herausziehen der teilweise beschädigten Brennstäbe und deren Abtransport mit Castorbehältern.

- Erwähnt werden sollte auch der unglaubliche Versuch, die betroffenen Reaktoren mit einem Wall von gefrorenem Erdreich zu umgeben, der Jahr um Jahr neue Misserfolge zeitigte. Mittlerweile soll immerhin der Abfluss des radioaktiven Grundwassers deutlich reduziert sein, auch wenn immer noch täglich etwa hundert Tonnen radioaktives Grundwasser ins Meer fließen.

- Viel zu spät und in viel zu geringen Radien wurde zögerlich mit der Evakuierung der Bewohner der Region Fukushima begonnen. Insgesamt 170.000 Menschen wurden laut Wikipedia aus den betroffenen Gebieten evakuiert, Geisterstädte blieben zurück, weite Landstriche sind auf Jahrzehnte hinaus unbewohnbar. Es werden in den verstrahlten Gebieten mittlerweile ungewöhnliche Mutationen von Pflanzen und Insekten beobachtet.

- Auch wenn es Versuche gab, einen Teil der radioaktiv verstrahlten Erdoberfläche abzutragen und in Plastiksäcken zu lagern, so wirken auch sie wie ein völlig hilf- und aussichtsloses Unterfangen. Die schwarzen Plastiksäcke, in denen die Erdmassen verpackt und dann gelagert werden, sind mittlerweile von den im Erdreich enthaltenen Pflanzen durchstochen worden und der Inhalt hat wieder begonnen, sich mit der Umwelt zu vermischen. Ein eigentlich erforderliches Endlager für diesen strahlenden Atommüll ist angesichts der schieren Massen undenkbar.

- Die Sterblichkeit der Evakuierten hat stark zugenommen, die Krebserkrankungen, namentlich bei Kindern und Jugendlichen nahmen ebenfalls zu. Laut dem deutschen Ärzteblatt sollen „nach der Reaktorkatastrophe im radioaktiv kontaminierten Gebiet 50 Mal mehr Schilddrüsenkarzinome diagnostiziert“ worden sein als im Rest von Japan. Japanische Mediziner, die die Ursache mit der Reaktorkatastrophe in Verbindung bringen, geraten unter Druck.

- Die abgeschalteten AKWs in Japan wurden nach der Reaktorkatastrophe von Fukushima nicht sofort wieder hochgefahren sondern erst sicherheitstechnisch überprüft. Am 26. August 2011 waren nur 18 der ehemals 54 japanischen Kernreaktoren in Betrieb, im Februar 2012 nur 2, seit Mai 2012 war Japan atomstromfrei. Japan bewies so, dass es auch ohne Kernkraft geht. Allerdings hat die neu gewählte Regierung Abe den AKW-Betrieb wieder zugelassen: Am 11. August 2015 wurde das Kernkraftwerk Sendai trotz Protesten wieder hochgefahren.

Quellen:

Vgl. auch: Fukushima bei LinksRhein.