Das Ende der Legende von der „sauberen Wehrmacht“ und die neuen Legenden

Vortrag von Hannes Heer zu 70 Jahre Kriegsende und 20 Jahre Wehrmachtsausstellung am Freitag, den 20.11.2015 um 19:30 Uhr in der vhs Konstanz

Mit der Kapitulation der großdeutschen Wehrmacht vor 70 Jahren fand auch das Dritte Reich sein Ende. Europa und die Welt wurden vom Terror Nazi-Deutschlands befreit, der mindestens 40 Millionen unschuldiger Menschen das Leben gekostet hatte. Davon waren 6 Millionen Juden. An diesen Verbrechen waren 19 Millionen Soldaten der Wehrmacht und Hundertausende Angehörige von SS und Polizei beteiligt. Die Verantwortung für den Völkermord an den Juden hatte die erste Bundesregierung unter Konrad Adenauer schon 1952 übernommen und mit 3,4 Milliarden DM bezahlt. Aber es dauerte 50 Jahre, bis sich Deutschland auch der Schuld für den genozidalen Vernichtungskrieg der Wehrmacht in Polen, in der Sowjetunion und in Jugoslawien gestellt hat.

Im März 1995 präsentierte das Hamburger Institut für Sozialforschung erstmals die unter Leitung von Hannes Heer realisierte Ausstellung Vernichtungskrieg. Verbrechen der Wehrmacht 1941 bis 1944, die vier Jahre lang in 34 deutschen und österreichischen Städten zu sehen war und von fast einer Million Menschen besucht wurde. Die Präsentation löste einen Schock aus: Sie zerstörte eine der Gründungslegenden der Bundesrepublik, wonach ausschließlich die SS für alle Verbrechen verantwortlich gewesen, die Wehrmacht aber in Erfüllung ihrer militärischen Pflicht „sauber und anständig“ geblieben sei. Und sie erschütterte die Lebenslügen einer ganzen Generation.

Die Ausstellung rührte an drei Tabus: Sie wies nach, dass der Holocaust nicht in Auschwitz, sondern schon 1941 in der besetzten Sowjetunion begonnen hatte, mit den von der Wehrmacht unterstützten Massenerschießungen der SS-Einsatzgruppen hinter der Front; dass außer der Vernichtung der Juden auch die Dezimierung der als „minderwertig“ geltenden sowjetischen Bevölkerung geplant war und diese mit fast 30 Millionen Opfern genozidale Ausmaße erreicht hatte; dass nicht die SS und ein paar fanatische Nazioffiziere, sondern die Wehrmacht als Institution auf der Grundlage entsprechender Befehle und mit 10 Millionen Soldaten dafür verantwortlich gewesen war. Die Planung und Durchführung dieser beiden Großverbrechen wurde auch durch die Millionen Fotos, die die Landser im dreijährigen Einsatz geknipst hatten und die in einer Auswahl erstmals der Öffentlichkeit zugänglich gemacht wurden, beglaubigt.

Die Ausstellung spaltete das Land und provozierte eine alle Teile der Gesellschaft wie die Politik – Regierungen, Parteien und Parlamente – erfassende Debatte. Boykottaufrufe und Diffamierungskampagnen, Kontaktverbot für die Bundeswehr und Warnungen vor dem Besuch der Ausstellung für Schüler, Bombenattentate und Neonaziaufmärsche, aber auch ernsthafte Auseinandersetzungen in den Familien und zwischen den Generationen, Kritik an Geschichte und Traditionspflege der Bundeswehr und eine Neuorientierung der historischen Forschung waren die Folge. Um das Klima der Kämpfe und Debatten um die Ausstellung wieder in Erinnerung zu rufen, wird am Ende dieses Kapitels ein Ausschnitt aus Ruth Beckermanns in der Wiener Ausstellung 1995 gedrehter Dokumentarfilm Jenseits des Krieges gezeigt.
Im Oktober 1999 wurde die Ausstellung wegen angeblich gefälschter Fotos zurückgezogen. Ein Jahr später kam eine internationale Historikerkommission in ihrem Untersuchungsbericht zu dem Ergebnis, dass diese Vorwürfe unberechtigt und die Befunde der Ausstellungsmacher korrekt waren. Das Hamburger Institut präsentierte trotz dieser Rehabilitierung der alten 2001eine neue Ausstellung, in der die Tabus ausgespart und die Fotos der Landser nicht mehr vorkamen. Zu sehen waren Taten ohne Täter.

Der Vortrag wird abschließend zeigen, wie aus dieser Leerstelle die neuen Legenden ihren Ausgang genommen haben. In der wissenschaftlichen Literatur lässt sich das am Beispiel des Buches Soldaten von Sönke Neitzel/ Harald Welzer demonstrieren, in dem der Charakter von Hitlers „Weltanschauungskrieg“ im Osten geleugnet und dessen Soldaten zu „ganz normalen Kriegern“ umgedeutet werden. In den populären Medien zeigen Fernsehfilme wie der Blockbuster Unsere Mütter, unsere Väter, dass Hannah Arendts Warnung, statt des üblichen „Umschreibens der Geschichte“ sich an der „Tatsachenwahrheit“ selbst und deren „elementaren Daten“ zu vergreifen, längst Normalität geworden ist. Der neue deutsche Geschichtsfilm, das ist meine These, knüpft damit an die bundesdeutschen Kriegsfilme der 1950er und 1960er Jahre an. Er bedient wie diese das Genre des „Opferfilms“, erweitert es aber mit um eine bemerkenswerte Variante.

Organisiert von vhs + Bürgerbüro + Friedensinitiative KN, VVN-Bda KN-Singen