Archiv für September 2015

Informationskrieg der Geheimdienste und Militarisierung der ‚Inneren Sicherheit’ – Neue Sicherheitsarchitektur für den alltäglichen Ausnahmezustand?

Vortrag von Dr. Rolf Gössner am Donnerstag, 8.10.2015 um 19:30 Uhr in der Volkshochschule Konstanz, Astoriasaal, Katzgasse 7, Konstanz

2013 geht in die Geschichte ein als ein Jahr, in dem eine neue, bislang unvorstellbare Dimension geheimdienstlicher Überwachung und Kontrolle bekannt geworden ist, die Hunderte Millionen von Menschen in aller Welt betrifft. Im Zuge der Enthüllungen des Whistleblowers Edward Snowden hat sich herausgestellt, dass nicht allein US- und britische Geheimdienste in den globalen Massenüberwachungsskandal involviert sind, sondern dass auch bundesdeutsche Geheimdienste – BND, Verfassungsschutz und MAD – aufs Engste in diesen menschenrechtswidrigen Geheimverbund verflochten sind. Dabei zeigte sich immer deutlicher, wie stark Deutschland in den völker- und menschenrechtswidrigen US-“Krieg gegen den Terror“ verwickelt ist.

Im ersten Teil seines Vortrags geht Rolf Gössner auf diese beängstigende Entwicklung sowie auf ihre Folgen für unser aller Leben, für Demokratie und Bürgerrechte ein. Und er zeigt auf, welche politischen Konsequenzen daraus gezogen werden (müssten) – und wie gegenwärtig trotz dieses Riesenskandals eine weitere Aufrüstung der Geheimdienste, insbesondere des Bundesnachrichtendienstes, vorangetrieben wird. Dabei spürt er auch der Frage nach, was eigentlich hinter diesem Massenüberwachungssystem steckt, wozu dieser immense Aufwand getrieben wird.

Im zweiten Teil seines Vortrags wechselt der Referent von der geheimdienstlichen Präventionsperspektive zur militärischen Repressionsebene. So beschäftigt er sich mit der Neuausrichtung der Bundeswehr: Einerseits wird sie von einer Verteidigungs- zu einer Interventionsarmee ausgestaltet, andererseits soll ihr Einsatz im Inland zur Gefahrenabwehr erleichtert und abgesichert werden – obwohl Militär und Polizei gerade in Deutschland aus historischen Gründen und nach der Verfassung strikt zu trennen sind. Gössner widmet sich dem Aufbau eines militärischen Heimatschutzes, mit dem auf Terror, Krisen und Katastrophen auch im Inneren des Landes reagiert werden kann.

Droht mit dieser neuen Heimatschutz-Infrastruktur und der zunehmenden Vermischung von Polizei, Geheimdiensten und Militär eine entgrenzte Sicherheitsarchitektur, eine undemokratische, unkontrollierbare staatliche Machtkonzentration und eine schleichende Militarisierung der „Inneren Sicherheit“? Befinden wir uns auf dem Weg in einen präventiven Sicherheitsstaat, in dem der Ausnahmezustand zum rechtlichen Normalzustand der Krisenverhütung und –bewältigung wird? Um sich nicht nur vor Gewalt und Terror zu schützen, sondern in Zeiten verschärfter ökonomischer Krisen und gesellschaftlicher Umwälzungen womöglich auch gegen zu erwartende soziale Unruhen und Aufstände vorsorglich zu wappnen?

Dr. Rolf Gössner, Rechtsanwalt/Publizist, Vizepräsident der Internationale Liga für Menschenrechte und stellv. Richter am Staatsgerichtshof Bremen; Sachverständiger in Gesetzgebungsverfahren, Autor von Büchern zu Innerer Sicherheit, Bürgerrechten und Demokratie: u.a. Geheime Informanten. V-Leute des Verfassungsschutzes: Kriminelle im Dienst des Staates (2003; akt. als ebook 2012); Menschenrechte in Zeiten des Terrors (2007). Als Mitherausgeber des „Grundrechte-Reports“ mit der Theodor-Heuss-Medaille ausgezeichnet; Mitglied der Jury des Negativpreises „BigBrotherAward“. Autor zahlreicher Bücher zu bürgerrechtlichen Themen. Er gehört zusammen mit Liga, ChaosComputerClub und Digitalcourage zu den Miterstattern der Strafanzeige gegen Geheimdien­ste und Bundesregierung (Febr. 2014); Mitautor in Rudolph Bauer (H.), „Kriege im 21. Jahrhundert. Neue Herausforderungen der Friedensbewegung“ (2015).

Veranstalter:
vhs + Friedensinitiative Konstanz + VVN-BdA Konstanz-Singen

Kosten: 6 Euro

Deutschland, einig Abschiebeland

Während Deutschland als das einzige flüchtlingsfreundliche Land in Europa und Angela Merkel als die neue Mutter Theresa (Der Spiegel) gehandelt werden, wurde am Donnerstag die geplante Gesetzesverschärfung bekannt, mit der frisch „aufgenommene“ Flüchtlinge und möglichst viele von denen, die schon da sind, weiter entrechtet, schneller inhaftiert und baldmöglichst wieder abgeschoben werden sollen. Anbei eine Presseerklärung von PRO ASYl.

Presseerklärung
17. September 2015

PRO ASYL zum Gesetzesvorhaben der Bundesregierung
Abschottung, Abschreckung und Obdachlosigkeit wird zum Programm

Heute ist der Gesetzesentwurf der Bundesregierung zur Flüchtlingspolitik bekannt geworden. Auf den fast 150 Seiten werden weitreichende Einschnitte im Aufenthalts-, Asyl- und Sozialrecht vorgenommen.

Drohende Obdach- und Mittellosigkeit für Flüchtlinge

Aus der Sicht von PRO ASYL ist es empörend, dass der Entwurf zehntausende von Flüchtlingen, die über andere EU-Staaten nach Deutschland eingereist sind, in die Obdachlosigkeit schickt: Konkret sollen alle Flüchtlinge keine Bezüge aus dem Asylbewerberleistungsgesetz erhalten, die unter die Dublin-III-Verordnung fallen und für deren Asylantrag ein anderer Mitgliedstaat zuständig ist. Nach dem Gesetzesentwurf wird ihnen nur eine Reisebeihilfe in Form von einer Fahrkarte und Reiseproviant gewährt (§ 1a Abs. 3 AsylblG-Entwurf). Anders als bisher sollen sie keine Leistungen nach dem Asylbewerberleistungsgesetz erhalten, beispielsweise medizinische Versorgung, Barbetrag, Anspruch auf Unterbringung etc. Diese Regelung wird auch jene Flüchtlinge treffen, die in den letzten Wochen von der Bevölkerung an den Bahnhöfen mit Hilfsgütern und Willkommensgesten empfangen wurden.

„Das Bundesinnenministerium schickt die Flüchtlinge, die die Bundesregierung zuvor nach Deutschland einreisen ließ, in die Obdachlosigkeit und in die soziale Entrechtung. Mit der Menschenwürde ist dieser Vorschlag unvereinbar. Menschen werden entwürdigt, um sie außer Landes zu treiben“, warnt Günter Burkhardt, Geschäftsführer von PRO ASYL. Der Gesetzesentwurf untergräbt die Rechtsprechung des Bundesverfassungsgerichts. Das Gericht hatte 2012 in einem Urteil entschieden, dass die Menschenwürde migrationspolitisch nicht relativierbar ist (siehe Anhang). Ein Absenken der Sozialleistungen unter das soziokulturelle Existenzminimum ist mit dem Verfassungsrecht unvereinbar.

Rollback im Aufenthaltsrecht

Dank dem jahrelangen gesellschaftlichen Einsatz von Kirchen, Gewerkschaften, Verbänden, Wirtschaftsunternehmen, Flüchtlingsräten, PRO ASYL und weiten Teilen der Politik wurde eine Bleibeperspektive für langjährig Geduldete geschaffen. Die Bundesregierung erfindet jetzt die „Bescheinigung über die vollziehbare Ausreisepflicht“ im neuen § 60b AufenthG. Damit kann die Bleiberechtsregelung in der Praxis ausgehebelt werden. Wenn die Abschiebung eines Flüchtlings aus von ihm selbst vertretenen Gründen nicht vollzogen werden kann, soll er/sie Arbeitsverbote erhalten und ebenfalls aus den Sozialleistungen ausgeschlossen werden. Diese Regelung wird viele bislang geduldete Flüchtlinge treffen, da einem großen Teil von ihnen unterstellt wird, sie seien selbst dafür verantwortlich, dass sie nicht abgeschoben werden können. In der Praxis werden diese Voraussetzungen durch die Ausländerbehörden sehr unterschiedlich und zum Teil sehr weit ausgelegt.

Damit nicht genug: Im § 60a AufenthG, der die Erteilung einer Duldung regelt, wird Abs. 6 neu eingefügt. Er verbietet die Ausübung einer Erwerbstätigkeit und die Aufnahme oder Fortführung von Bildungsmaßnahmen, bei Ausländern die sich in das Inland begeben haben, um Leistungen nach dem AsylblG zu erlangen; die den Nichtvollzug von aufenthaltsbeenden Maßnahmen selbst zu vertreten haben; deren Asylantrag nach § 30 Abs. 3 und 4 AsylVfG als offensichtlich unbegründet abgelehnt wurde und die Staatsangehörige eines sicheren Herkunftslands sind. Alle soeben genannten Flüchtlinge, die nicht mehr der allgemeinen Schulpflicht unterliegen, sondern bspw. die Realschule, das Gymnasium oder eine Universität besuchen oder eine sonstige Ausbildung machen, müssten diese sofort beenden. Diese Regelungen streichen die bei den letzten Gesetzesänderungen erzielten Fortschritte in ihr Gegenteil.

Bürokratieaufbau statt Bürokratieabbau

Nach Aussagen der Bundesregierung zielt der Gesetzesentwurf darauf, die Asylverfahren zu beschleunigen. Stattdessen sieht der Gesetzentwurf vor, dass Asylsuchende monatelang in unerträgliche Warteschleifen gezwängt werden können, indem die bereits vom BAMF angewandte Praxis, vor Beginn des Asylverfahrens die Asylsuchenden mit einer „Bescheinigung über die Meldung als Asylsuchender“ (sog. BÜMA) auszustatten, auf gesetzliche Grundlage gestellt wird. (§ 63a AsylVfG).

Der Gesetzesentwurf will zudem bei Kontrollen nach dem Schengener Grenzkodex die Prüfung, ob für einen Asylsuchenden ein anderer EU-Staat zuständig ist, auf die dafür inkompetenten Polizeibehörden verlagern (§ 18b Abs. 2 AsylVfG). PRO ASYL befürchtet Hauruckverfahren an den Grenzen mit dem Ziel, Asylsuchende schnell zu inhaftieren und abzuschieben. Auffällig ist, dass das BMI versucht, die freiheitssichernde und haftbeschränkende Rechtsprechung des Bundesgerichtshofs auszuhebeln. Nun soll ihnen diese Kompetenz entzogen und an die Verwaltungsgerichte übertragen werden (§ 83e AsylVfG).

Der Gesetzesentwurf enthält weitere äußerst problematische Regelungen, wie

  • Die Ausdehnung des Verbleibs in den Erstaufnahmeeinrichtungen auf sechs Monate (§ 47 Abs. 1 S. 1 AsylVfG),
  • Sachleistungen statt Bargeld in den Erstaufnahmeeinrichtungen (§ 3 AsylblG),
  • die dauerhafte Kasernierung von Asylsuchenden aus angeblich sicheren Herkunftsstaaten bis zur Abschiebung (§ 47 Abs. 1a AsylVfG),
  • eine Verschärfung des Flughafenverfahrens (§ 18a AsylVfG),
  • die Einstufung von Albanien, Kosovo und Montenegro als sichere Herkunftsstaaten (Anlage II zu § 29a AsylVfG),
  • nach Ablauf der Frist dürfen Abschiebungen von Flüchtlingen nicht mehr angekündigt werden,
  • und die Verpflichtungserklärung soll fortbestehen, selbst wenn der Betroffene als Flüchtling oder subsidiär Schutzberechtigter anerkannt wurde (§ 68a Abs. 2 AufenthG).

Dies ist das Ergebnis einer ersten, schnellen Analyse durch PRO ASYL. Der Gesetzentwurf leistet insgesamt kaum Vorschläge für schnellere und fairere Asylverfahren. Der dringend nötige schnelle Auszug von Asylsuchenden aus den Erstaufnahmeeinrichtungen wird blockiert, nicht unterstützt.

Forderungen von PRO ASYL

PRO ASYL fordert Bund und Länder auf, das Gesetzespaket zu stoppen. Der Entwurf enthält eine Vielzahl an Verschärfungen, die in keinem Zusammenhang mit dem aktuellen Zugang von Flüchtlingen überwiegend aus Syrien, Afghanistan und Irak stehen. Die Bundesregierung agiert ideen- und konzeptlos.

PRO ASYL unterbreitet Vorschläge für faire und schnelle Asylverfahren, die die Rechtsgarantien der Asylsuchenden achten:

  • Eine Altfallregelung für Asylsuchende, die sich länger als ein Jahr in der Bundesrepublik befinden und über deren Asylantrag nicht entschieden wurde. Sie sollen eine Aufenthaltserlaubnis mit den Rechten für Resettlement-Flüchtlinge nach § 23 Abs. 4 AufenthG erhalten, damit sie in den Genuss des Familiennachzugs und des Arbeitsmarktzugangs kommen.
  • Entlastung des Bundesamts durch die Zuerkennung eines Aufenthaltsstatus für Syrer, Iraker, Eritreer, Somalier und Minderheiten aus Afghanistan durch die Prüfung nach Gruppenverfolgung.
  • Aussetzung der Dublin-III-Verordnung, die Asylverfahren unnötig verlängern und Kapazitäten beim Bundesamt binden.
  • Die Zusammenführung der Anhörung und Entscheidung beim Bundesamt in der Hand einer Person mit verbindlichen Fristen zur Entscheidung über den Asylantrag.
  • Das Regelwiderufsverfahren soll abgeschafft werden.

Die Ministerialbürokratie hat den Sommer dafür genutzt, an einem Rollback im Asyl- und Aufenthaltsrecht zu arbeiten, anstatt sich den bürokratischen Verfahrenshemmnissen in Deutschland zu widmen. PRO ASYL befürchtet, dass das Gesetzespaket beim Bund-Länder-Gipfel am 24.09. im Kanzleramt im Hauruckverfahren verhandelt wird.

Urteil des Bundesverfassungsgerichts vom 18. Juli 2012- 1 BvL 10/10 –, – 1 BvL 2/11 -
Auszüge:

„Auch eine kurze Aufenthaltsdauer oder Aufenthaltsperspektive in Deutschland rechtfertigt es im Übrigen nicht, den Anspruch auf Gewährleistung eines menschenwürdigen Existenzminimums auf die Sicherung der physischen Existenz zu beschränken. Art. 1 Abs. 1 GG in Verbindung mit Art. 20 Abs. 1 GG verlangt, dass das Existenzminimum in jedem Fall und zu jeder Zeit sichergestellt sein muss. Art. 1 Abs. 1 GG garantiert ein menschenwürdiges Existenzminimum, das durch im Sozialstaat des Art. 20 Abs. 1 GG auszugestaltende Leistungen zu sichern ist, als einheitliches, das physische und soziokulturelle Minimum umfassendes Grundrecht. Ausländische Staatsangehörige verlieren den Geltungsanspruch als soziale Individuen nicht dadurch, dass sie ihre Heimat verlassen und sich in der Bundesrepublik Deutschland nicht auf Dauer aufhalten. Die einheitlich zu verstehende menschenwürdige Existenz muss daher ab Beginn des Aufenthalts in der Bundesrepublik Deutschland realisiert werden.“ (Rn. 120)
„Migrationspolitische Erwägungen, die Leistungen an Asylbewerber und Flüchtlinge niedrig zu halten, um Anreize für Wanderungsbewegungen durch ein im internationalen Vergleich eventuell hohes Leistungsniveau zu vermeiden, können von vornherein kein Absenken des Leistungsstandards unter das physische und soziokulturelle Existenzminimum rechtfertigen. Die in Art. 1 Abs. 1 GG garantierte Menschenwürde ist migrationspolitisch nicht zu relativieren.“ (Rn. 121)

Download Presseerklärung PRO ASYL als PDF
http://www.fluechtlingsinfo-berlin.de/fr/pdf/PE_Proasyl_170915.pdf

Quelle: http://www.proasyl.de
PRO ASYL Bundesweite Arbeitsgemeinschaft für Flüchtlinge e.V.

TTIP und die Macht der Konzerne

Vortrag von Jochen Kelter am Dienstag, den 22. September 2015 um 20 Uhr im Kulturzentrum K9, Konstanz

Quelle: http://www.konstanz-gegen-ttip.de

Impressionen vom Kicken gegen Rassismus

Das internationale Fußballturnier „Kicken gegen Rassismus“ vom letzten Wochenende war ein Riesenerfolg für alle Beteiligten. Bei prächtigem Spätsommerwetter spielten 22 gemischte Teams gegeneinander. Sie gaben sich so lustige Namen wie „Bandenkicker“, „Der Ball ist rund, die Welt ist bunt“ oder „Radioraum Rumblers“. Es war alles hervorragend organisiert und die SpielerInnen gaben alles. Hier ein paar Eindrücke. Weitere Fotos auf Facebook.

Veranstaltungsbericht zum Grafeneck-Vortrag von Thomas Stöckle letzten Dienstag in Radolfzell

Die Vortragsveranstaltung des Gedenkstättenleiters von Grafeneck, Thomas Stöckle, war gut besucht, die Größe der Aula der Teggingerschule passte zur Zahl der Anwesenden. Hervorzuheben ist, dass sich unter ihnen auch Angehörige von Radolfzeller Opfern der Euthanasiemorde befanden.

Markus Wolter, Historiker und Mitglied der Initiative „Stolpersteine in Radolfzell“, führte mit viel Einfühlungsvermögen und Sachverstand durch den Abend. Er sprach die Begrüßung und führte kurz in das Thema und dessen Bedeutung für Radolfzell ein.

Sodann gab Herr Stöckle einen gründlichen und umfassenden Überblick über die Geschichte des ehemaligen Samariterstiftes Grafeneck. Den Schwerpunkt der Darstellung nahm selbstverständlich die gut einjährige Phase von 1939 bis 1941 ein, in der Grafeneck als NS-Tötungsanstalt im Rahmen der (Mord)- Aktion T4 1) fungierte. Das Täterpersonal hatte das Schloss bereits im Okoer 1939 bezogen und mit den Umbauten zur Tötungsanstalt begonnen, das Morden vollzog sich in Grafeneck zwischen dem 18. Januar und 13. Dezember 1940. In dieser Zeit wurden auf der Schwäbischen Alb, also quasi direkt vor unserer Haustür, 10.654 Menschen – Männer, Frauen und Kinder – mit geistiger Behinderung ermordet. Herr Stöckle bezeichnete diesen Vorgang treffend als ein „arbeitsteiliges staatliches Großverbrechen“.

Diese Zahl 10.654 entspricht in etwa der Hälfte der damaligen Insassen der betroffenen Heil- und Pflegeanstalten, was deutlich macht, dass nicht wahllos gemordet wurde. Vielmehr wurden bestimmte Kriterien angelegt, die einerseits in der Naziideologie des „gesunden Volkskörpers“, den es eugenisch von allem Kranken zu reinigen galt, begründet waren; andererseits wurden diese Motive aber stark überlagert von Kosten-Nutzen-Überlegungen in Bezug auf die Insassen der Pflegeheime, von Bewertungen ihrer Arbeitskraft und der Vorstellung von „lebensunwertem Leben“, wie es im Jargon der Täter hieß.

Herr Stöckle versäumte es nicht, die wichtigsten Akteure dieser Mordaktion beim Namen zu nennen, so z.B. den Bereichsleiter Philipp Bouhler oder den Chirurgen Dr. med. Brandt, die sich diensteifrig den Befehl von Hitler persönlich und schriftlich geben liessen – weit entfernt von einem heute allzuoft vermuteten Befehlsnotstand. Etwa 100 Täter, darunter viel Pflegepersonal aus den Heilanstalten, Schreibkräfte, einige Ärzte, Polizeibeamte, Wachmannschaften, Transportpersonal, usw. sind recherchiert worden aber noch mehr Personen waren in irgendeiner anderen Form beteiligt, ohne dass man sie zum engeren Kreis der Täter zählen konnte. Einige wenige wehrten sich gegen das Morden, klagten an oder gaben eine Leitungsposition in diesem Rahmen auf – auch das war möglich.

Es wurde von Herrn Stöckle herausgearbeitet, dass trotz aller Geheimhaltung rund um die „Aktion T4“, heute kein Zweifel mehr bestehen kann, dass sehr viele sehr früh um die Verbrechen wussten, die hinter den Mauern von Grafeneck begangen wurden. Vielen Außenstehenden war schon nach wenigen Wochen klar, dass dort gemordet wurde, und warum die Verbrennungsöfen von Grafeneck rauchten. Es sprach sich in den Pflege-Institutionen herum, beim Leitungspersonal und den Angestellten, man sprach in der Umgebung von Grafeneck und auch die Angehörigen stiessen bald auf Ungereimtheiten in den wie am Fließband verfassten Todesnachrichten mit geheuchelten Beileidsbekundungen und der vermeintlich Trost spendenden Lüge vom „guten Tod“ oder dem „Gnadentod“.

Den Angehörigen wurden die Deportationen in die Tötungsanstalt verheimlicht, die Todeszeitpunkte wurden gezielt gestreut, Todesort und Todesursache, selbst ärztliche Unterschriften waren gefälscht, wie fast alles, was von den Nazis in diesem Zusammenhang zu Papier gebracht wurde und überliefert ist. Der Historiker Stöckle sensibilisierte in seinem Vortrag mit solchen Hinweisen mehrfach für die Schwierigkeiten bei der Quellenlage und den bis heute überlieferten Akten. Zeitzeugen die in der Zeit direkt nach dem Zweiten Weltkrieg noch freimütig erzählten, verstummten schnell, Täter gerierten sich in den wenigen Prozessen rund um die Euthanasiemorde als mutige Menschen, die angeblich tapfer in den Institutionen blieben um dort Schlimmeres zu verhindern.

Das sehr interessierte Publikum folgte dem Vortrag gebannt – man konnte die Spannung im Saal beinahe greifen. Die Wortbeiträge in der auf den Vortrag folgenden, über eine Stunde andauernden Diskussion, zeugten von Sachverstand und Fassungslosigkeit über jahrzehntelanges Schweigen, gerade auch in Radolfzell.

Es war in mehrfacher Hinsicht ein sehr gelungener Abend und es ist zu hoffen dass weitere solche Abende folgen.

Herzlich sei nicht zuletzt auch der Tegginger Schule gedankt, die Ihre Aula für diese aktuelle und wichtige Veranstaltung zur Verfügung gestellt hat. Aktuell ist sie, weil am Freitag, den 11. September 2015, in Radolfzell erstmals mit der Stolpersteinverlegung für Anna Maria Ronkat an ein Opfer der Euthanasiemorde erinnert wird.

Wer den Vortrag verpasst hat, kann vieles in dem hier verlinkten Dokument der Landeszentrale für Politische Bildung Baden-Württemberg nachlesen, das Herr Stöckle zur Lektüre empfiehlt: Materialien Grafeneck 1940: „Wohin bringt ihr uns?“ NS-“Euthanasie“ im deutschen Südwesten. Geschichte. Quellen. Arbeitsblätter (PDF 2,4 MByte)

Ebenfalls zur vertiefenden Lektüre geeignet und im Buchhandel erhältlich ist die Monografie von Thomas Stöckle: Grafeneck 1940. Die Euthanasie-Verbrechen in Südwestdeutschland. Silberburg Verlag, 2005. ISBN 978-3-87407507-7.

⇒ Vgl. auch den Artikel von Natalie Reiser im Südkurier vom 10.9.2015: Stolpersteine für Euthanasie-Opfer.

1) T4 steht für den Ort der Berliner Befehlszentrale in der Tiergartenstr. Hausnummer 4

Quelle: http://radolfzell-ns-geschichte.von-unten.org

Hinweis: Am Montag, den 14.9.2015 wird der Vortrag nochmal um 19.30 Uhr im Astoriasaal des Kulturzentrums am Münster, Konstanz gehalten.

Decolonizing Switzerland

Heute, am 5. September 2015, findet in Zürich die lange Nacht der Museen statt. Besonders empfehlenswert: Das Spezialprogramm in der Shedhalle Zürich ab 19 Uhr

Die Schweiz hatte keine Kolonien, und doch ist ihre Geschichte und Gegenwart von kolonialen Spuren nachhaltig geprägt. Auch die Rote Fabrik als ehemalige Seidenweberei ist Teil dieser Geschichte. Während der „Langen Nacht der Zürcher Museen“ sind alle Gäste zum gemeinsamen Essen in der Shedhalle eingeladen. Den ganzen Abend über finden zahlreiche Kurzvorträge und Diskussionen zu Aspekten der Schweizer Kolonialgeschichte statt.

20 Uhr: Ausstellungsführung

21 Uhr: Input von Patricia Purtschert, Philosophin (ETH Zürich)

22 Uhr: Ausstellungsführung

23 Uhr: Screening, Plattenstrasse 10, CH, Sally Schonfeldt, 2014

http://www.shedhalle.ch/

Lange Nacht der Zürcher Museen

Konzert mit Carlo Pestelli

Soli-Konzert mit dem Turiner Songwriter Carlo Pestelli am Sonntag, den 6. September 2015 um 20 Uhr im Kulturzentrum K9, Konstanz

Egal ob er seine gefühlvollen italienischen Balladen spielt, die Saiten seiner Gitarre in andalusischem Takt und Tempo vor sich hertreibt oder ob er einen rockigen Ausflug ins Irische unternimmt: Der 41-jährige Musiker ist mit Leib und Seele dabei und begeistert.

In Norditalien ist Carlo Pestelli längst kein Unbekannter mehr. Das italienische Radio RAI überträgt seine Live-Konzerte landesweit. Zuletzt trat er im Rahmen des renommierten Unione Musicale im Turiner Teatro Vittoria auf.

Das Konzert im K9 steht unter dem Motto „Fluchtwege öffnen – das Sterben im Mittelmeer beenden“ und ist dem italienischen Journalisten und Flüchtlingsaktivisten ›Luca Rastello‹ gewidmet. Der Freund Carlo Pestellis starb im vergangenen Jahr überrschend im Alter von 53 Jahren.

Veranstalter:
Kulturzentrum K9 und esPRESSo

Unterstützer:
Vernetzung Flüchtlingsarbeit Bodensee, Flüchtlingsrat Baden-Württemberg, Deutsch–Italienische Vereinigung e. V.

Karten gibt es im Vorverkauf für 10,– im K9 und im Buchladen Zur Schwarzen Geiss.

Quelle: http://juergenweber.eu

Kicken gegen Rassismus

Verschiedene Konstanzer Gruppen veranstalten ein Soli-Fußballturnier und wollen damit ein Zeichen gegen Rassismus setzen. Es beginnt am 12.09.2015 um 10 Uhr auf dem Sportplatz an der Schänzle (bei schlechtem Wetter in der Schänzle-Sporthalle)

Gegen eine Anmedegebühr von 30 Euro, die eine Spende an eine NGO darstellt, können sich bis zum 07.09.2015 Teams von je 6 Kickern für das Turnier anmelden. Eine Anmeldung ist unter folgender E-Mail-Adresse möglich: kickengegenrassismus@posteo.de

Neben Infoständen von NGOs wird es Kurzbeiträge von Geflüchteten in Konstanz und Verpflegung mit leckerem Essen geben.

Veranstalter: AStA Uni Konstanz, Café Mondial, Input Konstanz, b Welcome, Save me, Stadt Konstanz

Quelle: http://kickengegenrassismus.jimdo.com