Grafeneck 1940 – Geschichte und Erinnerung

Vortrag von Thomas Stöckle (Historiker und Gedenkstättenleiter von Grafeneck) am Montag, 14.9.2015 um 19.30 Uhr im Astoriasaal des Kulturzentrums am Münster, Konstanz sowie am 8.9.2015 um 19 Uhr in der Teggingerschule Radolfzell

Tötungsanstalt GrafeneckDer Vortrag beschreibt im ersten Teil die NS-„Euthanasie“-Verbrechen in Südwestdeutschland. Was waren die Hintergründe für dieses Verbrechen, was die Motive der Täter und wer waren die Opfer von Grafeneck? Im zweiten Teil wird der Frage nach dem Umgang mit dieser Geschichte nachgegangen. Welche Geschichte hat Grafeneck nach 1945, was geschah mit den Tätern und wie entwickelte sich die Gedenkstätte zu einem Ort mit heute über 20.000 Besuchern im Jahr?

Grafeneck ist ein Schlossbau der württembergischen Herzöge auf der Schwäbischen Alb – Landkreis Reutlingen. Im 16. Jahrhundert von Herzog Christoph als Jagdschloss errichtet und Mitte des 18. Jahrhunderts von Karl Eugen zu einer prachtvollen Barockanlage umgestaltet, übernahm es 1929/30 die evangelische Samariterstiftung Stuttgart (heute Nürtingen) zum Aufbau eines Behindertenheims, dem Samariterstift Grafeneck. Bei Kriegsbeginn wurde Grafeneck beschlagnahmt und in eine Mord- und Vernichtungsanstalt umgewandelt – die erste Vernichtungsstätte auf deutschem Boden, in der industriell gemordet wurde. Am 18. Januar 1940 begannen in einer Gaskammer in Grafeneck die systematischen Tötungen der „Aktion T4“, denen bis Dezember desselben Jahres 10.654 in Grafeneck, und bis August 1941 reichsweit über 70.000 geistig behinderte und psychisch kranke Menschen – von den Tätern als „lebensunwertes Leben“ bezeichnet – zum Opfer fielen.

Nach jahrzehntelangem Schweigen entstand 1990 – 50 Jahre nach den „Euthanasie“-Morden – unter dem Motto: Das Gedenken braucht einen Ort, die Gedenk­stätte Grafeneck. Seit Oktober 2005 wird die Gedenkstätte durch ein Dokumentationszentrum ergänzt. Für das Land Baden-Württemberg hat der Ministerpräsident die Schirmherrschaft übernommen. Die Gedenkstätte Grafeneck ist heute Teil einer „Gedenklandschaft“ von Orten, die an die Opfer der nationalsozialistischen „Euthanasie“ erinnern.

Thomas Stöckle, geb. 1964 in Geislingen an der Steige, ist Historiker und Leiter der Gedenkstätte Grafeneck. Veröffentlichungen zur südwestdeutschen Landes­geschichte, Nationalsozialismus und NS-„Euthanasie“-Verbrechen (zuletzt: Grafeneck 1940. Die Euthanasie-Verbrechen in Südwestdeutschland, Tübingen 2012). Mitglied des Sprecherrats der Gedenkstätten und des Gedenkstättenbeirats Baden-Württemberg.

Hinweis:

Der Vortrag wird im Rahmenprogramm der Konstanzer Stolpersteinverlegung am Tag zuvor gehalten. Aus diesem Grund kommt es zu Beginn der Veranstaltung zur offiziellen Übergabe der „Stolpersteine“ an die Stadt Konstanz.

Quelle: http://stolpersteine-konstanz.de

Vortrag und Stolpersteinverlegung auch in Radolfzell

Thomas Stöckle hält einen ähnlichen Vortrag bereits am 8. September in Radolfzell. Dort findet die Veranstaltung um 19 Uhr in der Aula der Teggingerschule statt.

Auch in Radolfzell werden im September 8 weitere Stolpersteine verlegt. Mit dem Stolperstein für Anna Maria Ronkat wird – 75 Jahre nach den NS-„Euthanasie“- und Krankenmorden in Grafeneck 1940 – erstmals an ein Radolfzeller Opfer dieses Menschheitsverbrechens erinnert. Bislang konnten 12 Biografien von Männern, Frauen und Kindern aus Radolfzell recherchiert werden, die in der NS-Tötungsanstalt Grafeneck 1940 ermordet wurden. Für sie sind weitere Stolpersteinverlegungen im Jahr 2016 geplant.

Quelle: http://stolpersteine-radolfzell.de