Archiv für November 2012

Jürgen Klöckler: Selbstbehauptung durch Selbstgleichschaltung

Unter dem Titel „Selbstbehauptung durch Selbstgleichschaltung. Die Konstanzer Stadtverwaltung im Nationalsozialismus.“ ist die Habilschrift von Jürgen Klöckler im Thorbecke Verlag erschienen.

Der Klappentext:

Am Beispiel der Konstanzer Stadtverwaltung wird auf breiter Quellengrundlage die Rolle von Kommunalverwaltungen im »Dritten Reich« beleuchtet. Sie akzeptierten im Frühjahr 1933 den Primat des Politischen und schalteten sich »selbst gleich«, um nicht vom Geschäftsgang der Macht ausgeschlossen zu werden. Die Studie will die Einbettung der Konstanzer Stadtverwaltung in die NS-Strukturen vermessen und weist Initiativen »von unten« nach, die nicht unwesentlich zur Radikalisierung der NS-Politik mit dem Ziel der Schaffung einer auf rassistischen und vormodernen Grundlagen basierenden »Volksgemeinschaft« beitrugen. Tatkräftig unterstützten Kommunalverwaltungen, die letztlich eben keine apolitischen, rein vollziehenden Administrationen waren, die Exklusion von Minderheiten.

Jürgen Klöckler ist Leiter des Konstanzer Stadtarchivs und lehrt als Privatdozent an der Uni Konstanz Neuere und Neueste Geschichte. Seine Antrittsvorlesung zum gleichen Thema hielt er im Januar 2012.

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Radolfzell bekommt Infotafel am ehemaligen SS-Schießstand


Entwurf für eine Informationstafel am ehemaligen SS-Schießstand von Radolfzell

In einem mühevollen Prozess setzt sich die Stadt Radolfzell weiterhin mit ihrer unguten Geschichte im Nationalsozialismus auseinander. Zu mindestens vier Schauplätzen finden derzeit intensive Auseinandersetzungen im Gemeinderat, im Kulturauschuß und in einer städtischen Arbeitsgruppe zum offiziellen Gedenken statt.

Die Schauplätze:

  • Am ehemaligen SS-Schießstand der Unterführerschule Radolfzell wird diesen Freitag eine Informationstafel übergeben.
  • Bei der ehemaligen SS-Kaserne werden eine Stele und vier Texttafeln errichtet, darunter drei Tafeln, die sich auf die NS-Vergangenheit der Kaserne beziehen.
  • Am Luisenplatz, wo nach wie vor das militaristische, von den Nazis errichtete Kriegerdenkmal dominiert und auf Bronzetafeln u.a. ca. 100 Waffen-SS-Soldaten als „Opfer“ geehrt werden, steht eine Überarbeitung / Ergänzung noch aus. Dieses Projekt soll erst 2014 in Angriff genommen werden.
  • Die Lettow-Vorbeck-Straße in Radolfzell, die unter den Nazis nach einem Kriegsverbrecher, Antisemiten und rassistischen Kolonialoffizier benannt wurde, soll einen neuen Namen erhalten. Hierzu hat der Schüler Max Uhlemann mit einer hervorragenden Geschichtsarbeit1 den Anstoß gegeben. Die Stadt beauftragte daraufhin ein Gutachten bei der Konstanzer Historikerin Heike Kempe, die ebenfalls eine Umbenennung empfahl.2

Allen diesen Schauplätzen ist gemein, dass in Radolfzell teilweise sehr unterschiedliche Vorstelllungen existieren, wie das Gedenken konkret ausgestaltet werden soll.

So war schon der Ankauf des SS-Schießstandes, für den Radolfzell jetzt die Verantwortung übernehmen will, im Gemeinderat durchaus strittig, obwohl das Gelände günstig und für die Stadt ohne Risiken, fertig saniert übernommen wird.

In der städtischen Arbeitsgruppe wurde über ein Jahr um jeden Satz gerungen, der auf den vier geplanten Textstelen vor der ehemaligen Kaserne erscheinen soll. Am nun endlich bekannt gewordenen Ergebnis ist vor allem zu kritisieren, dass man nicht gut mit einem Mahnmal an den Ort einer Waffen-SS-Kaserne bzw. ein KZ-Außenkommando erinnern und gleichzeitig Werbung für ein modernes Gewerbegebiet (RIZ) machen kann. Letzteres braucht schlechterdings keinen Ort des Gedenkens. Wer beiden Funktionen der Kasernengebäude mit dem gleichen Mahnmal gedenken will, missversteht den Zweck, den ein Mahnmal zu erfüllen hat.

Auch der Text der Informationstafel am SS-Schießstand wurde in der städtischen Arbeitsgruppe kontrovers diskutiert. Doch das Ergebnis kann sich sehen lassen. Der ursprüngliche Entwurf von Markus Wolter, Alfred und Evelyn Heim hat mehrere, wenngleich marginale, inhaltliche Änderungen erfahren, bevor er dem Gemeinderat im letzten Monat vorgelegt wurde.

Noch spannender ist, dass es offenbar möglich war, zu Angehörigen der beiden KZ-Häftlinge, denen die Flucht aus dem Radolfzeller KZ gelang, Kontakt aufzunehmen: zur Tochter von Leonhard Oesterle und zu dem Sohn von Oldrich Sedlacek. Wenn diesen Freitag der Stadt die Informationstafel offiziell übergeben wird, wird Fr. Oesterle-Stephan anwesend sein und über ihren Vater, Leonhard Oesterle, sprechen. Jiri Sedlacek, der Sohn von Oldrich Sedlacek, kann zwar nicht persönlich anwesend sein, doch er hat einen Text verfasst, der von einem der Initiatoren, dem Historiker Markus Wolter, verlesen wird.

Die Gedenkveranstaltung beginnt um 15 Uhr am SS-Schießstand von Radolfzell. Die Anreise wird durch einen Stadtbus erleichtert, der um 14:40 auf dem Messeplatz in Radolfzell abfährt.

  1. Uhlemann, Max: Weiße Schrift auf blauem Grund – Wie Radolfzeller Straßennamen die Zeit überdauern. Arbeit für den Geschichtswettbewerb des Bundespräsidenten in Verbindung mit der Körber‐Stiftung 2010/2011 zum Thema „Ärgernis, Aufsehen, Empörung: Skandale in der Geschichte“ [zurück]
  2. Kempe, Heike: Gutachten zu PAUL VON LETTOW-VORBECK (1870-1964), MAX IMMELMANN (1890–1916), OSWALD BOELCKE (1891–1916), Universität Konstanz, Oktober 2012 [zurück]