Castoralarm!

Am 3.12.2010 wurde von bundesweiten Antiatominitiativen Castoralarm ausgelöst und damit auf zwei kurz bevorstehende Castortransporte durch Deutschland hingewiesen. Gegen beide Transporte waren breite Gegenmobilisierungen aus der Antiatombewegung vermeldet worden.

  • Vom 14.12. bis 16.12. soll ein Castortransport mit hochradioaktivem Atommüll vom Kernforschungszentrum Cadarache (Frankreich) ins „Zwischenlager“ Lubmin (Mecklenburg-Vorpommern) rollen.
  • Der zweite Transport vom Zwischenlager Ahaus in das russische Majak wurde für den 16./17.12. vermutet, da sich diesbezügliche Hinweise verdichteten. Dieser Transport wurde nun offenbar auf Beginn des nächsten Jahres verschoben.

[Update 7.12.10: Röttgen knickt ein – Majak-Castor gestoppt!]

Castortransport Cadarache – Lubmin

Die Castoren sollen am Dienstag, den 14.12., im französischen Cadarache losfahren und werden voraussichtlich am Mittwoch, den 15.12., in Wörth bei Karlsruhe die Grenze überqueren. Mögliche Transportstrecken wurden auf diversen Webseiten veröffentlicht. Ihre Ankunft wäre dann am Donnerstag, den 16.12. in Mecklenburg-Vorpommern – wenn alles glatt geht.

Allerdings sind von den AtomkraftgegnerInnen vielfältige Aktionen wie sog. Schienen-Checks, Gleisblockaden und andere Aktionen Zivilen Ungehorsams geplant. Für die Infrastruktur mit Schlafplätzen, Camps und Futter orientiert sich die Antiatombewegung an den erprobten Strukturen aus dem Wendland. Eine Auftaktdemonstration ist in Greifswald am Samstag, den 11.12.2010, um 13 Uhr geplant.

- Castor nach Lubmin: Kein Atomklo Nordost! Freies Radio Stuttgart
- http://www.lubmin-nixda.de/
- http://twitter.com/lubmin_nix_da

Castortransport Ahaus – Majak

Bei diesem Transport geht es um 951 Brennelemente, die in 18 Castoren verpackt wurden. Dieser Transport ist bereits vom Bundesamt für Strahlenschutz für die Häfen in Hamburg und Bremen genehmigt. Die Bundesländer weigern sich jedoch , den Transport über ihre Häfen abzuwickeln. Die Optionen Emden, Bremen, Hamburg, Lübeck und Rostock stehen derzeit nicht mehr zur Verfügung. Eine weitere Option ist die Verschiffung über einen französischen Hafen – diesbezügliche Anfragen wurden offenbar gestellt.

Für den 12.12. hatte die Antiatombewegung zu einer Großdemo vor dem Atomzwischenlager Ahaus aufgerufen, mit dem erklärten Ziel, das Haupttor und den Hinterausgang zu blockieren. Nach der offiziellen Verschiebung des Transporttermins auf einen noch unbekannten Termin zu Beginn nächsten Jahres, soll aus der Blockadedemo eine Jubeldemo werden, die diesen Etappenerfolg feiert. Daher wird weiterhin aufgerufen, an dieser überregionalen Demo teilzunehmen, die um 14 Uhr beginnt.

http://www.kein-castor-nach-ahaus.de/

Majak, der versteckte Atomskandal
Zwar waren die Verträge mit Russland noch nicht unterschrieben, als die niedersächsische Polizei bereits Gefangenensammelkäfige für die erwarteten GegendemonstrantInnen herbeischaffen ließ. Doch das Geld in Höhe von 35 Mio €, das dieser Transport kosten wird, steht bereit und ein von der Gesellschaft für Reaktorsicherheit erstelltes Gutachten bescheinigt den Saubermännern der Atomwirtschaft und den ihnen zuarbeitenden Behörden, dass eine dem deutschen Atomgesetz genügende „schadlose Verwertung“ in Majak gegeben sei – eine auch für juristische Laien erkennbare, glatte Lüge, wie die folgenden Passagen zeigen.

Liest man das Gutachten nämlich gegen den Strich und führt eine kurze Recherche bei Wikipedia durch, offenbart sich das Gegenteil: wenn es einen Ort auf der Welt gibt, wo eine schadlose Verwertung nicht stattfinden wird und in der Vergangenheit auch nie stattgefunden hat, so ist es das am südlichen Ural gelegene Majak. Majak ist ein einziger Atomskandal, der hinter der Katastrophe von Tschernobyl nicht zurücksteht.

Auf dem Gelände der „Kerntechnischen Anlage Majak“befinden sich 10 Reaktoren, Wiederaufbereitungsanlagen, Zwischenlager und „Endlager“ für festen und flüssigen Atommüll aller Strahlungsklassen. In unmittelbarer Nachbarschaft der Anlage liegt die „geschlossene Stadt“ Osjorks, die jahrelang auf keiner Karte verzeichnet war.


Satellitenfoto der Kerntechnischen Anlage Majak

  • In den Anfangsjahren des Betriebs der Anlage wurden die Atomabfälle direkt in das Tetscha-Flusssystem geleitet und gelangten von dort in den Irtjasch-See und den Kysyltasch-See. Zwischen dem Beginn der Produktion im Jahr 1948 bis September 1951 wurden 78 Millionen Kubikmeter hochradioaktiven flüssigen Abfalls mit einer Gesamtaktivität von etwa 106 Peta-Becquerel in den Fluss Tetscha eingeleitet, aus dem die 120.000 Bewohner der Region teilweise ihr Trinkwasser bezogen.
  • Am 29. September 1957 explodierte einer der Tanks mit flüssigem Atommüll nachdem das Kühlsystem ausgefallen war. Dies ging als Kyschtym-Unfall in die Geschichte ein. Die an die Umgebung freigesetzte Radioaktivität belief sich nach Angaben des Betreibers (!) auf 400 PBq, und verteilte sich über 20.000 Quadratkilometer. Tausende Menschen wurden verstrahlt, anderen wurde aufgrund der verseuchten Bodens die Lebensgrundlage entzogen. 10.700 Personen wurden damals umgesiedelt. Über Todesfälle z.B. wg. Leukämie existieren keine öffentlichen bekannten Zahlen.

    Kyschtym-Unfall 1957 bei Majak
  • Im Regelbetrieb u.a. der Wiederaufbereitung wurde jahrzehntelang flüssiger Atommüll in Flüsse und Seen der Umgebung geleitet. In den Karatschai-See wurde bis 1993 Abfall mit einer geschätzten Aktivität von 20 EBq eingeleitet (1 EBq = 1 × 10¹⁸ Bq). Im Jahr 1990 wurde eine Radioaktivität von rund 4,44 Exa-Becquerel gemessen. Zum Vergleich: Bei der Katastrophe von Tschernobyl wurden insgesamt zwischen 5 und 12 EBq Radioaktivität freigesetzt. Ein Mensch ohne Strahlenschutzanzug, der am Ufer des Karatschai-Sees steht, würde innerhalb einer Stunde eine tödliche Strahlendosis aufnehmen. Die hoch gefährliche Einleitung findet noch immer statt, wenn auch mit gedrosselter Menge. Auch in das Staroje-Boloto-Becken finden Einleitungen statt (ca. 74 Peta-Bq). Im GRS-Gutachten wird dieses verantwortungslose Umgehen mit Atommüll zynisch als „oberflächennahe Entlagerung“ bezeichnet. Die Freisetzung von radioaktivem Material an die Umwelt geschieht in Majak nicht als Unfall sondern im Regelbetrieb.
  • Die unter freiem Himmel in Wasserbecken gelagerten Atomabfälle lagern sich in den Sedimenten ab und wurden in Trockenzeiten buchstäblich in alle Himmelsrichtungen verweht. Starke Winde verteilten die Sedimentstäube über ein Gebiet von 1.800 bis 5.000 km². Ihre Gesamtaktivität wird von verschiedenen Quellen auf 22 TBq bis 220 TBq (2,2 bis 22 · 1013 Bq) geschätzt, teilweise ist von bis zu 185 PBq (1,85 · 1017 Bq) die Red. Wildtiere wie Vögel oder Fledermäuse tragen ebenfalls zur langsamen Verbreitung der Strahlung bei.

Deutscher Zynismus gegen russische AnwohnerInnen

Den Höhepunkt des Zynismus erreicht das GRS-Gutachten, wenn es frank und frei feststellt, dass „alle Gewässer der Umgebung des Anlagenkomplexes Mayak … durch die Entsorgung von radioaktiven Abfällen mehr oder minder stark belastet [sind]“ (S. 17), sich dann über die Höhe der bisherigen Verstrahlung der russischen AnwohnerInnen auslässt, die ein mehrfaches, der nach der deutschen Strahlenschutzverordnung zulässigen Werte aufweist (S. 26), um dann ein paar Seiten später zu konstatieren, dass „kein Konflikt mit den Voraussetzungen der schadlosen Verwertung bestehe“, zumal ein Rücktransport der wiederaufbereiten radioaktiven Abfälle nicht vorgesehen sei. Höchstens – und man staunt hier über die analytische Schärfe der Gutachter – höchstens, „wenn man auch die Umweltsituation in Mayak und die Folgen früherer Störfälle in dieser Anlage in Betracht zieht“, könnte ein solcher Konflikt gesehen werden.

Spätestens hier stellt sich die Frage, wer diesen Transport genehmigt und wie diese Person dann – ganz persönlich – wg. bewusster Rechtsbeugung im Amt verknackt werden kann. Die Strafbarkeit der Rechtsbeugung ist in Deutschland in § 339 StGB geregelt und wird mit einer Freiheitsstrafe von mindestens einem und höchstens fünf Jahren bedroht.

Video: Verseuchtes Land – Die Atomfabrik Majak 31 min, russisch mit dt. oder engl. Untertiteln

- Wikipedia: Kerntechnische Anlage Majak
- Wikipedia: Karatschai-See
- Der bestverschwiegene GAU der Geschichte „Die Welt“ vom 26. September 2007