Zehntausende gegen Castortransport

Glaubt man den Einschätzungen aus der Anti-Atombewegung so steht am Ende dieser Woche der schwierigste Castortransport seit 33 Jahren bevor. Noch nie zeichnete sich im Vorfeld eines Transports eine so breite Beteiligung unter AtomkraftgegnerInnen ab. Mittlerweile sind über 300 Busse aus ganz Deutschland angemeldet, die zur großen Auftaktdemo am 6.11.2010 nach Dannenberg im Wendland fahren – Tendenz steigend. Die Rede ist mal von 20.000, mal von 50.000 AktivistInnen, die sich den Castoren Ende der Woche entgegenstellen werden.


Das Wendland zw. Dannenberg und Gorleben am kommenden Wochenende

Wie kann das sein? Wer oder was mobilisiert die AtomkraftgegnerInnen dieses Jahr in so großen Mengen?

Nachdem die rot-grüne Koalition Ende der 90er Jahre der Atomwirtschaft noch Jahrzehnte längere Laufzeiten für ihre Atommeiler bescherte, meinte die CDU/CSU-FDP Regierung im Jahr 2010, sie könne das auch und legte nochmal drauf: Statt im Jahr 2025 soll das letzte AKW jetzt erst im Jahr 2040 vom Netz gehen.

Das bedeutet:

  • Jahrzehnte lang wird die Atomwirtschaft dadurch jeden Tag 1 Mio. Euro zusätzlich verdienen – ein unverhofftes Riesengeschenk vom Steuerzahler, der dazu gar nicht erst gefragt wurde. Laut einer Studie der Landesbank Baden-Württemberg aus dem Jahr 2009 würden die Stromversorger bei einer Laufzeitverlängerung von acht bis zehn Jahren mindestens 119 Milliarden Euro zusätzlich einnehmen, falls die Strompreise auf aktuellem Niveau verharren. Bei steigenden Strompreisen beliefen sich die Mehreinnahmen auf 233 Milliarden Euro. (wikipedia)
  • Jahrzehnte, in denen die maroden Atomanlagen und ihre Sicherheitssysteme weiter von Teilchen bombardiert werden und in denen jeder Tag mit einem Supergau einhergehen könnte. Schwere Störfälle bis hin zu Kernschmelzen gab es bereits zu genüge: Z.B. 1957 in Windscale/Sellafield (GB), 1979 in Three Miles Island (USA), 1986 in Tschernobyl und 2006 hatte in Fosmark (Schweden) nicht viel gefehlt.
  • Und last but not least: Jahrzehnte, in denen jeden Tag strahlender Atommüll anfällt, für den bis heute nirgends auf der Welt eine Lösung für die zig Jahrtausende erforderliche Aufbewahrung existiert. Die Enthüllungen des letzten Jahres rund um die als „Forschungsbergwerk“ getarnte Atommülldeponie Asse, in der seit Mitte der 60er Jahre Atommüll eingelagert wurde, hat vielen Menschen die Augen geöffnet, angesichts der Verantwortungslosigkeit mit der der Staat und die Atomwirtschaft den Müll verbuddeln. Das Bergwerk Asse ist gerade dabei abzusaufen und zusammenzubrechen. Der gesamte Atommüll muss nun aufwändig wieder herausgeholt und umgelagert werden, was 10 Jahre dauern und Milliarden kosten wird. Der Atommüll ist die Achillesverse der Atomindustrie.

Das Maß war also voll. Die Antiatombewegung hat schon seit Beginn des Jahres enormen Zulauf.
Doch noch ein weiterer Aspekt hat zu der gegenwärtigen Massenmobilisierung beigetragen: Eine neue Kampagne „Castor Schotttern“ wurde ins Leben gerufen. Sie plant die Übernahme eines bei G8-Gipfel-Protesten erfolgreich eingesetzten Prinzips des massenhaften, zivilen Ungehorsams: die sog. 5-Fingertaktik, die ein Durchfluten und Umgehen der Polizeikräfte meint. Mir ihr soll es möglich werden – eine breite Beteiligung vorausgesetzt – zigtausende von AktivistInnen quasi zeitgleich auf kilometerlange Schienen-Abschnitte der Castor-Transportstrecke zu lotsen, wo sie, einmal angekommen, unverzüglich beginnen dort das Gleisbett zu unterhöhlen, mit dem Ziel, die Strecke für Castoren unbefahrbar zu machen. Die Kampagne macht es sich zu Nutze, dass selbst bei dem zu erwartenden Einsatz von 10 oder 20 tausend PolizistInnen, unmöglich die viele Kilometer lange Transportstrecke überall geschützt werden kann. Ein breite Beteiligung konnte die Kampagne durch Betonung der Legitimität der Aktion (s.o.), nieder schwellige Teilnahmeangebote (wer Steine wegtragen kann, kann mitmachen), Unterstützung durch Prominente sowie medial breit gestreute Selbst-Erklärungen von AktivistInnen erreichen. Versuche, hunderte UnterzeichnerInnen der Selbsterklärungen, als „Aufrufer zu Straftaten“ zu kriminalisieren, oder Mobilisierungsseiten im WWW zu schließen, führten nur zu mehr Aufmerksamkeit für die Kampagne und noch mehr Selbsterklärungen. Noch immer rufen Umweltorganisationen, Bürgerinitiativen, Parteien, Gewerkschaften, Kirchen, Antiatom-Gruppen, Linke und AntifaschistInnen zur Großdemonstration am Samstag, den 6.11. in Dannenberg und den anschließenden Sabotageaktionen am Gleiskörper auf.

Keinesfalls sollte man den Fehler machen, nur die Aktionen der Kampagne „Castor Schottern“ im Blick zu haben. Der Widerstand im Wendland ist traditionell vielfältig und besitzt eine breite Palette von Aktionsformen – das macht seine Stärke aus. Getragen werden die Proteste von einer in langen Jahren eingespielten Struktur von Unterkünften/Camps sowie Transport- und Informationsmöglichkeiten. Die Hochtechnologie in Form von Videoberichterstattung, Liveradio und Internettickern, die per Handy oder WLAN zu empfangen sind, ist mittlerweile ebenso dabei wie die traditionellen Infopunkte, geheizten Zelte, professionellen Großküchen oder Erste Hilfe Stationen. Kurz vor Beginn des Castortransports wurden übrigens einzelne der seit Monaten genehmigten Campinfrastrukturen wieder verboten oder durch Verlegungen behindert.

Bereits seit Tagen bewegen sich die ersten Behälter auf der Straße zum Verladebahnhof in Valognes, von wo aus sie sich dann am 5.11. abends auf ihre mehrtägige Reise durch Frankreich und Deutschland begeben. Laut durchgesickertem Zeitplan soll der Transport am Samstag Mittag auf der Höhe von Karlsruhe (z.B. bei Lauterbourg) die Grenze nach Deutschland überqueren. Hier trifft er dann auf die sog. Südblockade, eine Großaktion, zu der die süddeutsche Antiatombewegung seit wenigen Tagen mobilisiert. Hat der Castortransport die Blockade überwunden, ist für die AktivistInnen im Süden noch genug Zeit, um mit Bussen den Castor zu überholen und vor ihm ins Wendland zu gelangen – genau rechtzeitig für die für Samstag Nachmittag und Sonntag geplanten Aktionstrainings und echten Aktionen von „Castor Schottern“. Frühestens am Sonntag ist mit der Ankunft der Castoren in Dannenberg zu rechnen, wo sie in einer mehrstündigen Prozedur von der Schiene wieder auf Laster umgeladen werden müssen. Für die letzten 30 Kilometer auf der Straße gibt es dann nur noch genau zwei Routen, die zur Auswahl stehen: die Nordroute über Quickborn und Langendorf oder die Südroute über Splietau und Gusborn. Bei vergangenen Castortransporten gelang es den AktivistInnen im Wendland typischerweise stets eine der beiden Routen für Castoren unpassierbar zu machen.

Wir werden sehen, wie gut oder wie schlecht der Castortransport durchkommt und wieviel Repression für dessen Durchsetzung gegen den Willen der Mehrheit der Bevölkerung eingesetzt wird.

Passt auf Euch auf!

No pasaran!

Informiert Euch selbst!

- http://radioforum.terminal21.de, Live Stream Radio Freies Wendland

- indymedia Feature

- http://www.castor-suedblockade.de/

- http://www.castor-camps.net/

- Karte vom Wendland

- Mitfahrbörse

- mehr Links bei www.castor2010.de