Archiv für Oktober 2010

Zeitzeugengespräch mit der Auschwitz-Überlebenden Esther Bejarano

Am 09.11.2010 jährt sich zum 72sten mal die Reichspogromnacht. Zu diesem Anlass haben das Reutlinger Kulturzentrum franz.K und ART (Antifa Tübingen/Reutlingen) ein Programm zusammengestellt, das aus einem Zeitzeugengespräch mit der Auschwitz-Überlebenden und Vorsitzenden des Auschwitz-Komitees, Esther Bejarano, am 6. November ab 17.00, einem um 20.30 anschließenden Konzert mit „Bejarano & Microphone Mafia“ (Folk & HipHop) sowie einer Diskussionsrunde am Jahrestag selbst mit dem Mauthausen – Komitee Stuttgart zu „Erinnerungspolitik“ besteht. (vgl. www.franzk.net)

„Bejarano & Microphone Mafia“ haben mit „per la vita- für das Leben“ ein beispielloses Projekt versucht, zu dem zwei Bands zusammengekommen sind, die vom Stil zwar nicht viel unterschiedlicher sein könnten, jedoch von Ihren Texten her das gleiche Ziel verfolgen: Den Respekt vor dem (Menschen-)Leben und die Ächtung von Krieg, Rassismus, Antisemitismus und Faschismus.

Esther Bejarano ist eine der wenigen Überlebenden des Mädchenorchesters Auschwitz und tritt schon seit Jahren mit ihren Kindern als Gruppe
„Coincidence“ auf. Zusammen singen sie sowohl alte jüdische Lieder in „jiddischer“ Sprache als auch gegenwartsbezogene Songs, die sich mit
Ausgrenzung, Rassismus, Gewalt und Krieg beschäftigen.

Rosario Pennino, Kultu Yurtseven und Önder Bardakci treten seit 20 Jahren als Rapper unter dem Namen „Mircrophone Mafia“ auf. Sie waren/sind typische „Jugendliche mit Migrationshintergrund“ und rappen auf türkisch, deutsch und italienisch vor allem über Rassismus und Fremdenhass.

Esther Bejarano hat sich zu unserer großen Freude bereit erklärt, bereits nachmittags um 17 Uhr ein Zeitzeugengespräch zu führen. Da sie eine der
letzten Überlebenden ist, ist dies eine sehr seltene Möglichkeit.

Das Konzert beginnt dann um 20.30 Uhr. Für Schüler kostet das Konzert 7 Euro, für Erwachsene 14 Euro und ermäßigt 11 Euro. Nach Absprache gibt es
auch Gruppentarife. Die Tickets, die wir Ihnen ggf. zuschicken würden, sind auch als Bus& Bahn- Tickets verwendbar.

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INFOLADEN Tübingen
http://www.nadir.org/infoladen-tuebingen

Volkstrauertag in Radolfzell: es bleibt bei kosmetischen Änderungen der offiziellen Gedenkpolitik

Die Stadt Radolfzell hat eine Chance vergeben, beim diesjährigen Volkstrauertrag am 14.11.2010, von der bisherigen, unguten Praxis des Heldengedenkens vor dem SS-Ehrenmal am Luisenplatz (früher: Horst-Wessel-Platz) abzurücken. Weder ist sie im Stande, einen anderen, würdigeren Gedenkort zu wählen, noch gelingt ihr eine neue, überzeugende Symbolik, mit der den Opfern des Nationalsozialismus gedacht wird. Statt eines wirklich neuen Konzeptes wählt man den Weg des geringsten Widerstandes, will lediglich hier eine Inschrift ändern oder dort gärtnerisch etwas umgestalten.

Seit den 30er Jahren des vorigen Jahrhunderts gedachte man am von der Radolfzeller Waffen-SS geweihten „Ehrenmal“ den „Helden“ des ersten und später auch des zweiten Weltkriegs. Die bronzenen Namenstafeln hinter dem klobigen Kriegerdenkmal listen bis heute die „gefallenen Söhne“ (sprich Soldaten) der Stadt Radolfzell auf, die wohl überwiegend an deutschen Angriffskriegen in den Nachbarländern beteiligt waren. Jährlich veranstaltete Heldengedenktage der Waffen-SS in den Jahren 1938 bis 1945 ehrten diese Taten.

Der Horst-Wessel-Platz heisst heute Luisenplatz. Ein Foto des Horst-Wessel-Platzes aus dem Jahr 1938 zeigt, wie die Gedenktafel damals noch mit Reichsadler und Hakenkreuz geschmückt war. Beides wurde nach dem Krieg entfernt, das ehrende Gedenken blieb. Wie der Historiker Markus Wolter recherchierte, fanden die bis in die 70er Jahre hinein stattfindenden Kameradschaftstreffen der Radolfzeller HIAG (ein SS-Traditionsverband mit nazistischer Kontinuität) ihren Abschluss in Form von Kundgebungen vor diesem Kriegerdenkmal.

Bei all dem ehrenden Gedenken an die Täter war wenig Platz für ein Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus. Im Jahr 2001 wurde eine dem würdigen Gedenken nicht genügende Ergänzung in durchsichtigem Kunststoff hinzugefügt: „Als dieses Denkmal 1938 aufgestellt wurde, waren die Planungen für den nächsten Krieg und den Holocaust schon weit fortgeschritten. Millionen Männer, Frauen und Kinder wurden Opfer der nationalsozialistischen Unmenschlichkeit.“ Der Platz blieb nach wie vor dominiert von militaristischer Ästhetik und die offiziellen Trauerreden rekurierten weiterhin auf die Opfer einer nicht näher definierten „Krieg und Gewaltherrschaft“(vgl. [4]). Die abstrakte „Erinnerung“ wird mantraartig beschworen, bis die Details vergessen sind. Nichts genaues weiß man nicht und jeder Täter ist irgendwie auch Opfer, nicht wahr? Und Gewalt ist immer schlecht, auch die gegen einen Holocaust gerichtete?

Erst 64 Jahre nach Kriegsende, am Volkstrauertag des Jahres 2009, gelang es einer Schülergruppe, in einer Rede auf dieses Defizit hinzuweisen und einen Kranz „zum Gedenken an die Menschen im KZ-Außenlager Radolfzell“ niederzulegen. Zum ersten Mal wurde eine Opfergruppe genannt, die bislang ausgespart worden war. Und Radolfzell hatte ein KZ? Man zuckt zusammen und hält den Atem an, sich wappnend für die zu erwartenden Reaktionen. Kann man nach diesem Ereignis weiterhin unterschiedslos und am gleichen Ort um einen SS-Kommandanten trauern, in dessen Kaserne wenig später ein KZ-Außenlager von Dachau eingerichtet wurde? Scheinbar geht das in Radolfzell.

Noch im Sommer 2010 schien der Gemeinderat sich überwiegend auf das Anliegen der Jugendgruppe APO sowie engagierter Privatpersonen, wie dem Filmemacher Günter Köhler oder dem Historiker Markus Wolter [1] , einlassen zu wollen , den Gedenkort zu verlegen [2]. Es wurde eine viel versprechende Arbeitsgruppe gegründet, von deren Arbeit man in den folgenden Monaten nicht all zu viel vernahm [3] und deren Konzept nun, 14 Tage vor dem Volkstrauertag, im Gemeinderat vorgestellt wurde.

Das Ergebnis ist – gelinde gesagt – eine Enttäuschung.

  • Der Gedenkort bleibt der gleiche wie gehabt. Getrauert werden soll – wie auch in den vorangegangenen Jahren – vor den beiden martialischen Soldatenstatuen, die mutigen Schrittes, mit Gewehr in Bereitschaft und munter im Wind flatternder Fahne den Deutschen Vorbild beim Überfall auf ihre Nachbarländer sein sollten. Die Inschrift des unsäglichen Monuments soll zwar getilgt werden, jedoch ohne wesentlich in die militaristische Bildsprache dieser Kriegerskulptur einzugreifen.
  • Es gibt auch Pläne, wie eine neue Inschrift lauten soll: „Radolfzell gedenkt der Opfer der Gewaltherrschaft und der Toten aller Kriege“. Man will also kein Heldengedenken mehr und nicht mehr ausschließlich den „Gefallenen“, sprich den Soldaten, gedenken. Doch der Begriff „Gewaltherrschaft“ ist in seiner Allgemeinheit blind gegenüber der speziell von den in der Radolfzeller Kaserne stationierten SS-Truppen ausgegangenen Gewalt, geschweige denn der Singularität des Holocaust. Und die Phrase „der Toten aller Kriege“ gedenkt gleichermaßen an Täter wie Opfer.

Offenbar konnten sich diejenigen, die das Gedenken an die Opfer der Nazis in Radolfzell zum Thema machen wollten, bei dem neuen Konzept nicht durchsetzen, bzw. waren – mangels einer in ausreichendem Maße hergestellten Öffentlichkeit – am Entstehungsprozess nicht beteiligt. So werden zufällige PassantInnen oder Teilnehmende des Volkstrauertages nach wie vor nicht konfrontiert mit den Pogromen auch der Radolfzeller Nazis an den Jüdinnen und Juden (wann war das nochmal?) oder den Deportationen von Jüdinnen und Juden (wieviele traf es damals?) aus dem gesamten Kreis Konstanz und der Höri in das KZ Gurs durch den Radolfzeller Totenkopfverband. Weiterhin lesen wir auf den Bronzetafeln des Luisenplatzes – die einen mehr, die anderen sicher weniger stolz – den Namen von SS-​Ober­sturm­bann­füh­rer Heinrich Koeppen, der die SS-​Ger­ma­nia beim Über­fall auf Polen befehligte und der dabei – ganz unrühmlich – gefallen war.

Wer glaubte, dass nach den letzten 12 Monaten, also dem Jahr, in dem in Radolfzell das Theaterstück „Die Flüsterstadt“ aufgeführt, der Film „Leichen im Keller“ gezeigt und in dem in allen Medien breit über die Radolfzeller NS-Vergangenheit und dem heutigen Umgang damit berichtet wurde, sich das offizielle Radolfzell seiner Vergangenheit ernsthaft stellt, sieht sich – vorerst – getäuscht. Noch immer wird sie lieber unter den Teppich gekehrt und totgeschwiegen.

Es ist offensichtlich, dass in Radolfzell endlich ein offenes, partizipatives Gedenken „von unten“ an die Stelle der offiziellen Gedenkpolitik „von oben“ treten muss. Die Akteure der Gedenkpolitik „von unten“ müssen auf der Hut sein, dass sie nicht von der offiziellen Gedenkpolitik vereinnahmt oder für deren Akzeptanzschaffung eingesetzt werden.

[1] Bürger errichten Gedenktafel für KZ-Häftlinge, Südkurier 21.06.2010

[2] Gesucht wird ein Ort des Gedenkens, Südkurier 24.06.2010

[3] Gedenken ist ein schwieriger Prozess, Südkurier 12.10.2010

[4] Ansprache zum Volkstrauertag am 16.November 2008 von CDU-Stadträtin Cornelia Bambini-Adam

Ravensburg: Kollektiv und Kommune – alternative Arbeits- und Lebensformen

Am 14.10.2010 um 19 Uhr findet im Kulturladen Rhizom die Veranstaltung „Kollektiv und Kommune – alternative Arbeits- und Lebensformen“ statt.

Die Schäfereigenossenschaft Finkhof stellt sich vor und berichtet aus der Kommunearbeit.

Seit 1979 existiert in Arnach / Bad Wurzach die Schäfereigenossenschaft Finkhof. Hervorgegangen aus einer Wohngemeinschaft Jugendlicher ist ein seit nun über 30 Jahren bestehendes „Experimentierfeld für alternative Lebensmodell, ökologische Landwirtschaft und Selbstverwaltung“ entstanden, das den Grundprinzipien der Absage an privates Eigentum an Produktionsmitteln, einer selbst verwalteten Bedürfniskasse und der Anerkennung von Hausarbeit als gleichwertiger Arbeit zu allen anderen Arbeitsbereichen folgt.

Gedenkmarsch in Erinnerung an die Deportation der Konstanzer Juden

Am 22. Oktober veranstalten Konstanzer Schülerinnen und Schüler einen Gedenkmarsch und erinnern damit an die Deportation der Konstanzer Jüdinnen und Juden am 22. Oktober 1940.

Damals wurden im Rahmen der Wagner-Bürckel- Aktion 108 Jüdinnen und Juden aus Konstanz in das Konzentrationslager Gurs deportiert. Viele Jüdinnen und Juden starben in diesem Lager, andere wurden weiter nach Auschwitz deportiert und dort ermordet. Die Deportation wurde damals vom Radolfzeller SS-Totenkopf-Verband für den Kreis Konstanz durchgeführt. Aus dem Land­kreis Kon­stanz kamen 314 Per­so­nen aus 11 Orten: Über­lin­gen, Walds­hut, Kon­stanz, Boh­lin­gen, Gai­lin­gen, Hil­zin­gen, Ra­dolf­zell, Ran­degg, Ti­en­gen, Walds­hut, Wan­gen (vgl. Ehemalige SS-Kaserne in Radolfzell und das KZ Außenlager von Dachau).

Der Gedenkmarsch beginnt um 16 Uhr im Gewölbekeller des Kulturzentrums und führt durch die Innenstadt zur Gedenkstele in der nähe der Synagoge.

Im Kulturzentrum wird ab dem 22.10. eine Ausstellung gezeigt, die an den Holocaust, die Bedeutung des 22. Oktober für das Schicksal der Konstanzer Juden informiert . Sie wird einen Tag früher, am 21.10. um 19:30 Uhr, eröffnet. Die Ausstellung ist bis zum 7.11. geöffnet und kann Di. bis Fr. jeweils von 10 bis 18 Uhr sowie Sa., So. und Feiertags von 10 bis 17 Uhr besucht werden. er Eintritt ist frei.

Das gesamte Programm wurde geplant und organisiert von Konstanzer Schülern des Suso- und des Humboldtgymnasiums als Abschluss einer Gedenkstättenfahrt nach Berlin und Auschwitz. Mitwirkung und Begleitung von Petra Quintini, Initiative Stolpersteine für Konstanz.

Diskussion am SS-Schießstand in Radolfzell

Laut Südkurier will morgen, Mittwoch, den 13.10.2010, der Hauptstellenleiter der Bundesanstalt für Immobilienaufgaben ab 15:30 Uhr mit Radolfzeller Bürgerinnen und Bürgern über die Zukunft des SS-Schießstandes diskutieren.

Die Bundesanstalt ist offenbar für das Gelände und die Überreste der ehemaligen SS-Schießstandes zuständig, sieht aber laut Südkurier „die Stadt Radolfzell beim Umgang mit der brisanten Bauerbe in der Hauptverantwortung. Dies ergebe sich daraus, dass die Stadt sich intensiv um die Ansiedlung des SS-Standorts bemüht habe.“ (Südkurier 12.10.2010)