Überwältigende Resonanz auf Filmvorführung und Podiumsdiskussion zur NS-Zeit in Radolfzell

Mit so viel Interesse hatte wohl kaum jemand an diesem Abend gerechnet. Gut und gerne 500 junge, mittelalte und alte Menschen schoben und drängelten sich in den nicht gerade kleinen Saal des Milchwerks um den 40-minütigen Film „Leichen im Keller“ von Günter Köhler zu sehen und an der anschliessenden über zweistündigen Podiumsdiskussion teilzunehmen.

Man hockte sich vor dem Podium, am seitlichen oder hinteren Treppenaufgang auf die Stufen, liess sich auf dem Boden nieder oder stand am Rande des Saals noch im Foyer. Ein gedämpftes Stimmengewirr erfüllte den Raum. Anwesend waren Menschen wie du und ich, Vertreter der politischen Klasse aus Radolfzell, der im Film vorkommende Oberbürgermeister Schmidt, der Autor des Theaterstücks „Die Flüsterstadt“, Gerd Zahner, Stadtarchivar Achim Fenner, Fredy Meyer, Historiker aus Wahlwies, prominente Künstler, Aktivisten von der APO, der Außerparlamentarischen Opposition von Radolfzell oder von ausserhalb Angereiste wie der Vertreter der Aktion Stolpersteine aus Konstanz und viele, viele, mehr. Mehrere Kameras zeichneten das Geschehen auf und Blitzlichter erhellten den Raum.

Der gut gemachte Film schaffte es, erstaunlich viele Facetten des Themas in äußerst kurzer Zeit zu thematisieren: die Geschichte der SS-Kaserne und des KZ-Aussenlagers von Dachau, die Begeisterung der Radolfzeller an „ihrer Kaserne“ in den späten 30er und frühen 40er Jahren, die ungeheuren Ausmaße des in Sklavenarbeit errichteten „Franzosen“-Schiessstandes, Geschichten von Flucht und Erschiessungen, Eheschliessungen zwischen Radolfzellerinnen und SS-Männern, Lebensborn in Grasbeuren, Reichsarbeitsdienst und Sexarbeit in Wahlwies, Kontinuität und Schweigen, Heldengedenken von, mit den und für die Nazis, spätere Volkstrauertage mit Kränzen vom Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge beim von der SS-geweihten Kriegerdenkmal im Nachkriegsradolfzell, wissenschaftliche Recherchen und unzugängliche Archive, informierte und nachdenkliche bzw. ignorante und nicht besonders reflektierte O-Töne von der Strasse des heutigen Radolfzells. All dies kann hier nur angerissen werden.

Mit am spannendsten war gegen Ende des Films die Darstellung, wie während des letzten Volkstrauertages die gewohnte Zeremonie am „Ehrenmal“ des früheren Horst-Wessel-Platzes, wo nach Kriegsende schnell mal eben der Reichsadler mit Hakenkreuz entfernt aber das ehrende Gedenken – auch an die Täter – über viele Jahrzehnte erhalten bleiben sollte, mit einer kritischen Rede der APO unterbrochen und der Opfer gedacht wurde. Mit der Aussage: „Vierundsechzig Jahre nach Kriegsende wird öffentlich ein Kranz für die in dieser Stadt geschundenen und gestorbenen KZ-Häftlinge niedergelegt“ endet der Film. Das Publikum bedankte sich mit donnerndem und lang anhaltendem Applaus.

In der längeren, jedoch nicht immer ganz so dichten zweiten Hälfte des Abends lauschten die ZuhörerInnen dem Podium und kamen gegen Ende selbst zu Wort. Auf dem Foto oben sind von links nach rechts die PodiumsteilnehmerInnen zu sehen: Der leider selten zu Wort kommende Filmemacher Günter Köhler, der Autor und Filmemacher Erich Schütz, der überraschend aufgeschlossen wirkende Historiker und CDU-Stadtrat Christoph Stadler, der souveräne Moderator Torsten Lucht, die schwach argumentierende Konstanzer Wissenschaftlerin Birgit Schwelling, der Sympathieträger Cem Güler von der APO sowie der klare Worte sprechende Historiker Markus Wolter. Der Verlauf der Diskussion kann hier nicht mehr wiedergegeben werden – vielleicht wird das zu einem späteren Zeitpunkt nachgeholt.

In der Schlussrunde wurden verschiedene Vorschläge gesammelt, wie es nun in Radolfzell mit der Gedenkpolitik weitergehen soll: Es wurde das Verlegen von sog. Stolpersteine angesprochen nicht nur für Jüdinnen und Juden sondern auch für andere Verfolgte des NS-Regimes, wie eine vollkommen ausgelöschte Roma-Familie, erleichterter Zugang zu den Archiven angemahnt, Bildungsarbeit in Schulen (u.a. mit dem gezeigten Film) angeregt und Kopien des Buchs mit den Erinnerungen des ehemaligen KZ Häftlings Leo Oesterle in jeder Schulbibliothek gefordert, das Schreiben einer umfassenden neueren Geschichte der Stadt Radolfzell und das Verbessern und Ergänzen der bestehende Mahnmale versprochen. Nicht ganz klar wurde, wie mit dem weitläufigen Gelände des ehemaligen SS-Schiessstandes umgegangen werden sollte. Die Anregung von Erich Schütz auch Tourismus mit Gedenkkultur anzukurbeln klang etwas überflüssig; der Verweis von Cem Güler darauf, dass auch das Tourismusbüro in seinem Abriss zur Stadtgeschichte keinen blinden Fleck in der Zeit zwischen 1933 und 1945 mehr aufweisen darf, war richtig. In den Redebeiträgen aus dem Publikum fiel eine Bemerkung auf, die daran erinnerte, dass die sich vor der Renovierung in einem sehr heruntergekommenen Zustand befindliche SS-Kaserne über 10 Jahre lang für die mehr schlechte als rechte Unterbringung von AsylbewerberInnen hergehalten hatte.

Zusammenfassend war das ein sehr gelungener Abend, mit vielen neuen Informationen, angenehmer Diskussionsatmosphäre und viel symbolischer Rückendeckung für diejenigen, die sich eine andere, offene und nicht mehr flüsternde, eine auch mal deutlich die Opfer bzw. Täter benennende und unterscheidende Erinnerungskultur in Radolfzell wünschen.

Die Aufführung des Films soll am 29.4. wiederholt werden.