Rezension des Stücks „Flüsterstadt“, das derzeit in Radolfzell gezeigt wird

Auf der Bühne ein namenloser Mann mit altmodischem Stativ und Fotoapparat, der einem Jungen in kurzen Hosen ein Brennglas zeigt und ihm erklärt: „Der Schmerz bringt die Dinge ans Licht“. Das Brennglas, so führt der Mann dem Jungen gegenüber in einer der Anfangsszenen aus, bündle das Licht, fokussiere dadurch den Blick und mache damit sichtbar, was sonst im Verborgenen läge. Träfen die Sonnenstrahlen den Betrachtenden, lösten sie durch Verbrennung Schmerzen aus.

Die Metapher des Brennglases steht paradigmatisch für die gesamte Unternehmung, mit der das Doppelgänger Theaterforum in der Scheffelhalle Radolfzell das Theaterstück „Flüsterstadt“ von Gerd Zahner auf die Bühne brachte, um den Blick auf Radolfzells Rolle im Nationalsozialismus zu lenken und den Mantel des Schweigens, der den öffentlichen Diskurs über Jahrzehnte dominierte, immerhin an manchen Stellen zu lüften. Der Aufführung war eine monatelange öffentliche Kontroverse in Radolfzell vorausgegangen, die die Realisierung dieses ehrgeizigen Projekts immer wieder herausforderte.

Die Rahmenhandlung des Stücks ist schnell erzählt. Der Mann und der Junge, die die Zuschauenden im Verlauf des Stücks als Vater (Torsten Blanke) und Sohn (Lisa Bresser) identifizieren, halten sich 1953 in einer zunächst namenlosen Stadt auf, um für eine deutsch-französische Broschüre Militärkasernen im Südbadischen abzulichten. Während der Vater fotografiert, erscheinen dem Jungen im Fiebertraum historische Figuren, die darüber berichten, was sie als KZ-Häftlinge, aber auch als SS-Scherge, als scheinbar unbeteiligte Passanten und als Angehörige der nachkommenden Generationen in Radolfzell erlebt haben. Was als assoziative Gedankenkette in Monologen des Vaters beginnt, die sich um die Mühsal der Erinnerung und das allzu leichte Vergessen drehen und in denen immer wieder nach einer Verortbarkeit von nationalsozialistischem Grauen gefragt wird, wird im Verlauf des Theaterstücks konkret benennbar. Der Stadtplan des nationalsozialistischen Radolfzell auf der Karte, die Vater und Sohn auf der Bühne im Verlauf des Stückes in Händen halten, nimmt in der Vorstellung der Zuschauenden immer mehr Gestalt an: Dort, in Radolfzell, befand sich die SS-Kaserne des SS-Totenkopfbataillons „Germania“, die 1938 eröffnet wurde, dort das Casino der Offiziere, schliesslich der so genannte „Stall“, in dem 130 KZ-Häftlinge, die ursprünglich aus dem KZ Dachau kamen, untergebracht werden; dort der überdimensionierte Schiessstand, den die Häftlinge des Radolfzeller Außenlagers des KZ Dachau unter menschenunwürdigen Bedingungen erbauen mussten, dort der Exerzierplatz und das Haupthaus der SS-Kaserne.

Von den Figuren, die dem Jungen im Traum erscheinen, gibt es mehrere historische Vorlagen, deren Schicksale Gerd Zahner recherchiert hat und die alle von Stefan Bresser gespielt werden.
Ein namenloses Opfer nationalsozialistischer Gräuelherrschaft erhält breiten Raum, von seinen Erfahrungen zu sprechen und beispielhaft für Millionen weitere Schicksale die Grausamkeit und Gewalttätigkeit in den Konzentrationslagern und an anderen Orten faschistischen Unrechts zu thematisieren. Gerd Zahner nutzte für seine historische Recherche die Erinnerungen Leonhard Oesterles, dessen Berichte auch über die Radolfzeller Haftzeit in Sigbert E. Kluwes Jugendbuch „Glücksvogel: Leos Geschichte“ nacherzählt werden. Das Buch erschien 1990 im Signal Verlag und ist mittlerweile aber vergriffen. Oesterle, der 1915 in Bietigheim-Bissingen geboren wurde, wurde als Mitglied einer kommunistischen Widerstandsgruppe 1941 von Dachau aus in das Außenlager Radolfzell verlegt, von wo aus ihm 2 Jahre später zusammen mit einem Mithäftling die Flucht über den See in die Schweiz gelang. Leonard Oesterle wanderte in den 50er Jahren nach Kanada aus, wo er als Künstler und Professor für Bildhauerei bis zu seinem Tod 2009 lebte.

Der lange Monolog des unbekannten Häftlings in der grauweissgestreiften Häftlingsuniform geht unter die Haut, Stefan Bresser agiert ausdrucksstark mit vollem Körpereinsatz und vermittelt damit den Zuschauenden eine Ahnung davon, wie existenziell die Erfahrungen der Gefangenen in Radolfzell waren: Das Leben in Gefangenschaft, die permanente Angst vor der unberechenbaren Gewalt der SS, Rechtlosigkeit, Hunger, Kälte und Schmerz bestimmten das Leben der Häftlinge des KZ-Außenlagers Radolfzell.

Besonders auf die unmenschliche Arbeit an der Moräne, in die der monumentale Schießstand hineingetrieben wurde, nimmt er im weiteren Verlauf des Theaterstücks immer wieder Bezug. Wenn Gerd Zahner den Häftling auf der Bühne davon berichten lässt, wie beschwerlich die Arbeit am Bau des Schießstands „in der Nähe des Friedhofs“ war, so ist das nicht nur eine Ortsbeschreibung, sondern spielt auch auf das nationalsozialistische Konzept der „Vernichtung durch Arbeit“ an. Indem auf der Bühne wiederholt darauf verwiesen wird, wie die Häftlinge gezwungen waren, einen völlig überdimensionierten Schießstand im Aussenbohl zu errichten, obwohl es auch möglich gewesen wäre, einen realistisch proportionierten Schießstand an einem anderen, weniger kräftezehrenden Ort neu zu bauen, relativieren sich dadurch die Aussagen, die immer wieder in der Diskussion um die Lebensbedingungen der Häftlinge im KZ Radolfzell zu hören sind: Die Häftlinge hätten es ja noch „gut in Radolfzell“ gehabt. Es zählt zu den besonderen Verdiensten der „Flüsterstadt“, diese unsäglichen Aussagen Lügen zu strafen.

Sehr bewegend bringt auch Sava Vinokic das Schicksal eines tschechischen Häftlings auf die Bühne, welches ebenfalls in Leonhard Oesterles Erinnerungen nacherzählt wird.
Drei tschechischen Häftlingen gelang die Flucht aus dem KZ-Außenlager, nachdem sie die Wachen überwältigen konnten. Einer von ihnen wurde erschossen zurückgebracht, ein weiterer wurde ebenfalls gefasst, für den dritten vermutet Oesterle, dass er die Flucht in die Freiheit geschafft haben könnte, auch wenn die SS mitteilte, er sei tot aufgefunden worden. Für die übrigen Häftlinge waren so lange, bis die Flüchtlinge wieder gefasst wurden, extreme Schikanen angeordnet worden: Sie mussten die ganze Nacht und den folgenden Tag auf dem Kasernenhof in Reih und Glied stramm stehen, in der prallen Sonne, ohne Essen, ohne Trinken und ohne auf die Toilette gehen zu können.

Als weitere historische Figur tritt der Bürgermeister (David Michel) samt Sekretärin (Katrin Ehrler) auf. Wenn der Bürgermeister im Samtanzug mit breitem Honoratiorenschwäbisch eine Rede zur Grundsteinlegung der SS-Kaserne 1937 einstudiert, wirkt dies vor allem grotesk. Die bräsig vorgetragen Rede, die verschiedene Versatzstücke nationalsozialistischer Rhetorik zu kleinen (un-)freiwillig komischen Perlen montiert („Ich bin der Bürger und Meister, weil jeder Bürger einen Meister braucht. Das ist das Wesen der Deutschen.“), bringt die Zuschauenden zum Schmunzeln und macht aber auch deutlich, dass es für Radolfzell ein Prestigegewinn war, gegenüber 178 anderen Bewerberorten den Zuschlag zum Bau der SS-Kaserne erhalten zu haben. Mit dem Auftritt des Bürgermeisters visualisiert Gerd Zahner, in wie weit sich die Stadt Radolfzell durch den Bau der SS-Kaserne auch handfeste ökonomische Vorteile wie neue Arbeitsplätze, Mieteinnahmen und Aufträge für die ansässigen Kaufleute und Handwerker erhoffte. Was der Bühnenfigur des Bürgermeisters bedauerlicherweise fehlt, sind Hinweise auf die nationalsozialistische Gesinnung zweier Bürgermeister in Radolfzell. Eugen Speer, der bereits in den 20er Jahren NSDAP-Parteimitglied war, fädelte in seiner Amtszeit den Bau der SS-Kaserne ein. Er zählte als NDSAP – Kreisleiter und Gauinspektor zu den Funktionseliten des Nationalsozialismus im Südwesten. Sein Nachfolger, Handelskammerpräsident Josef Jöhle aus Konstanz, ebenfalls NSDAP-Mitglied, wurde von der NSDAP-Kreisleitung zum Bürgermeister ernannt. Im Begleitheft zum Theaterstück, in dem drei ausführliche Artikel die historische Faktenlage nochmals zusammentragen, finden sich diese Informationen über die Gesinnung der Radolfzeller Bürgermeister, es bleibt aber nicht nachvollziehbar, warum sie im Theaterstück nicht expliziter thematisiert wurde.

Den nächsten Auftritt hat ein namenloser SS-Offizier (Harmen Henne), der möglicherweise Vater des kleinen Jungen aus der Rahmenhandlung ist, und als kaltblütiger, nihilistischer Charakter präsentiert wird. Harmen Henne spielt den SS-Offizier überzeugend als archetypisch Bösen. Ein Mann mit grausamem Charakter und daher Funktionsträger der SS? Während in zahlreichen historischen Arbeiten immer wieder betont wurde, dass SS-Männer überzeugte Nationalsozialisten waren, weil sie hinter der menschenverachtenden Ideologie und deren Durchsetzung im Dritten Reich standen, bleiben die politischen Überzeugungen des SS-Offiziers auf der Bühne bei der „Flüsterstadt“ unklar. Die Motivation des SS-Manns, sich aktiv an den Gräuel des Nationalsozialismus, zu beteiligen, über dessen vermeintlich „grausamen Charakter“ erklären zu wollen, trägt nicht. Schade, dass Gerd Zahner seine Figur des SS-Manns nicht differenzierter entworfen und einen exemplarischen Einblick in das politische Weltbild der SS gegeben hat. Dennoch zählt die Szene mit dem SS-Mann zu den besonders packenden Eindrücken für die Zuschauenden. Gerd Zahner lässt den SS-Mann ganze viermal auf der Bühne die Pistole ziehen, mit der er auf eines seiner Opfer schießt das wiederum von Stefan Bresser verkörpert wird, während sich das Publikum das Blut vorstellen kann, das dabei auf Radolfzeller Boden tropft. Wiederum bezieht sich Gerd Zahner auf eine Sequenz, die einen realen Hintergrund hat. Im November 1941 kam es zur willkürlichen Erschießung des KZ-Häftlings Jakob Dörr, dem laut Überlieferung seine Mütze von einem Soldaten der Wachmannschaften abgerissen und hinter die Postenlinie geworfen wurde. Als er dem Befehl, die Mütze zu holen, nach kam, wurde er „auf der Flucht erschossen“.

Auf der Bühne wird das Blut beschrieben, das als sichtbares Zeichen nationalsozialistischer Gewalt im Boden versickert; anstatt nach dem Krieg an diese Orte nationalsozialistischen Grauens in Radolfzell zu erinnern, wird darüber geschwiegen und darüber gebaut. Eine ältere Frau betritt die Bühne und bringt, während sie in der ehemaligen SS-Kaserne steht, die bis 1977 vom französischen Militär genutzt wurde, die Verdrängung und das beharrliche Schweigen über die Rolle Radolfzell im Nationalsozialismus auf den Punkt: „Vor den Franzosen hat es hier nichts gegeben.“ Die Frage, die sich in dieser Szene aufdrängt, ist, wie es möglich war, nach 1945 derart eisern zu verdrängen. Das Stück lässt die Zuschauenden ratlos zurück an dieser Stelle.

Das Verdrängen der SS-Kaserne, das Verdrängen des Außenlagers des Konzentrationslagers Dachau in Radolfzell wird immer wieder im Stück problematisiert.
Dabei lässt es Gerd Zahner nicht an deutlichen Worten fehlen. Einer seiner Figuren auf der Bühne legt er folgenden markigen Satz in den Mund: „Diese Stadt ist wie ein Glas, in dem ein Schlafmittel aufgelöst wird“. Auch die Nachgeborenen, wie etwa die beiden Hippies, die im Jahr 1977 verortet sind und dem Jungen im Fiebertraum erscheinen, sind nicht an einer Aufarbeitung der Geschichte interessiert. Auch diese Aussage entspricht der historischen Realität. Der HIAG (der „Bundesverband der Soldaten der ehemaligen Waffen-SS e.V. – Hilfsgemeinschaft auf Gegenseitigkeit“ ein Sammelbecken für unverbesserliche Altnazis, Holocaustleugner oder Verherrlicher der Nazigräuel) konnte jahrelang zu revanchistischen Treffen in Radolfzell zusammenkommen, erst in den 70er Jahren kam es zu Protesten seitens der Bevölkerung.

Ein weiterer Strang in der „Flüsterstadt“ erzählt die Geschichte des Lebensborn, einer Einrichtung, in der „rassisch einwandfreie Frauen“ mit SS-Männern Kinder zeugten, um dem „Führer ein Kind zu schenken“. Die Frauen bekamen dafür 3000 Reichsmark, durften das Kind aber nicht selbst aufziehen. Die Kinder wuchsen im Lebensborn in eigenen Einrichtungen auf, wo sie im Geist der Nationalsozialismus erzogen wurden. Im Stück gibt es Andeutungen, dass sich auch Mädchen und junge Frauen aus Rottweil und aus der Bodenseegegend mit SS-Männer einließen und dann in einem der Lebensbornheime Kinder auf die Welt brachten. Spätestens mit diesen Szenen wird deutlich, dass die SS-Kaserne und mit ihr deren Bewohner Teil der Stadt Radolfzell waren. Zwischen den Radolfzellern und den Angehörigen der Kaserne entstand über die Jahre ein komplexes Beziehungsgeflecht. Die „Flüsterstadt“ zeigt als Ganzes folgerichtig auf, dass im Radolfzell des Dritten Reichs jeden Tag Menschen mit ihrem Handeln dazu beitrugen, die nationalsozialistische Herrschaft aufrecht zu erhalten. Eigentlich eine historische Binsenweisheit, die in Radolfzell scheinbar noch nicht angekommen war und auch über 60 Jahre danach noch genügend Konfliktpotential aufweist, wie die Diskussionen um „Die Flüsterstadt“ im Vorfeld aufzeigen.

Dem Stück „Die Flüsterstadt“ sind viele weitere Zuschauer und Zuschauerinnen zu wünschen. Das Stück ist konzeptionell so angelegt, dass es wesentliche historische Fakten hinreichend genau und für breite Kreise verständlich wiedergibt, das Schicksal der Häftlinge des KZ-Außenlagers plastisch vermittelt und auf die besondere Rolle der SS-Kaserne für das nationalsozialistische und heutige Radolfzell verweist. Die drei konzentrierten Aufsätze von Achim Fenner und Markus Wolter über die Geschichte Radolfzells im Nationalsozialismus und das Schweigen danach, sind sehr lesenswert und vertiefen die auf der Bühne angesprochenen Aspekte sehr gut.
Bei der Aufführung, die der Rezension und den Bühnenfotos zu Grunde liegt, waren auffallend wenige junge Gesichter im Publikum zu sehen. Es wäre zu wünschen, dass auch Schulklassen an einer der Aufführungen teilnehmen.

Auch mit der „Flüsterstadt“ ist die Auseinandersetzung um den Nationalsozialismus in Radolfzell sowie an anderen Orten rund um den Bodensee nicht abgeschlossen. In der lokalen Presse fallen die erstaunlich wohlwollenden Besprechungen auf, bei denen sich AntifaschistInnen nicht des Eindrucks erwehren können, dass damit auch die Aufarbeitung nationalsozialistischer Geschichte in Radolfzell für erfolgreich abgeschlossen erklärt werden soll. Aus antifaschistischer Sicht muss die „Flüsterstadt“ viel mehr ein Anlass sein, nicht locker zu lassen. Es fehlt in Radolfzell immer noch an einer gesellschaftlich breiten Auseinandersetzung mit seiner Geschichte im Nationalsozialismus. Die scheinbar unisono begeisterte Aufnahme des Stücks darf nicht über den tatsächlichen Graben zwischen denen hinwegtäuschen, die an einer Auseinandersetzung mit der Geschichte und der historischen Verantwortung Radolfzells interessiert sind und deren Gegnern, die es nach wie vor gibt.

Viele Fragen sind immer noch offen und nicht Gegenstand einer öffentlichen Diskussion: Welche Firmen, aber auch welche Leute haben z.B. konkret von der SS-Kaserne profitiert? Welche Politiken haben im Nachkriegsradolfzell eine Auseinandersetzung verhindert? Gab es Versuche, dieses Schweigen aufzubrechen? Wie können Kontakte zu ehemaligen Häftlingen und Zeitzeugen hergestellt werden?

Immer noch fehlt es an einem Mahnmal an der ehemaligen SS-Kaserne.
Immer noch fehlt es auch an einem angemessenen zentralen Gedenkort für die Häftlinge des ehemaligen KZ-Außenlagers. Die Bitte um Entschuldigung bei den Opfern und ihre Entschädigung und/oder die ihrer Familien ist mehr als angebracht und muss so schnell wie möglich in die Wege geleitet werden, bevor auch die letzten ehemaligen Häftlinge verstorben sind.

Zahlreiche Gründe, sich nach dem gelungenen Theaterabend nicht entspannt zurück zu lehnen!

Kein Vergeben, kein Vergessen!

Die nächsten beiden Aufführungen finden am 1. und 2. Mai, jeweils um 20 Uhr statt. Kartenvorverkauf: Südkurier Radolfzell.