Radolfzell zur Zeit des Nationalsozialismus: die Täter

Seit dem Veranstaltungsbericht „Ehemalige SS-Kaserne in Radolfzell und das KZ Außenlager von Dachau“ vom April 2008 sind zahlreiche neue Informationen über Radolfzell in der Zeit des Nationalsozialismus bekannt geworden.

Der Bericht zur Radolfzeller SS-Kaserne soll daher um einige Details speziell zu den Tätern – Soldaten der SS-Verfügungstruppe, des SS-Totenkopf-Bataillons und der SS-Unterführerschule sowie den Wachmannschaften des KZ Außenlagers – ergänzt werden. Ihre Namen sind u.a. in den Protokollen des Dachauer Holocaust-Prozesses wiederzufinden, der als Faksimile heruntergeladen werden kann oder auch in begeisterten Berichten der Radolfzeller Lokalpresse dieser Zeit.

Wenn man weiss, dass in der Kaserne zeitweise fast 1500 Soldaten stationiert waren und eine hohe Fluktuation herrschte, sollte klar sein, dass hier nur eine verschwindend geringe Untermenge der Nazis und ihrer Verbrechen benannt werden können, die im Zusammenhang mit der Radolfzeller SS-Kaserne und dem KZ-Außenlager stehen. Oft wurden die SS-Männer nur vorübergehend in Radolfzell stationiert und kamen in weiteren Konzentrationslagern und Aussenlagern z.B. als Wachmannschaften zum Einsatz.

Einige der hier aufgeführten SS-Täter mussten sich vor Gericht verantworten: im Dachauer Hauptprozess, in den Dachauer Nachfolgeprozessen bzw. den sog. Fliegerprozessen. Es mag der Eindruck entstehen, als seien viele oder zumindest die schlimmsten Verbrechen in den Nachkriegsjahren auch strafrechtlich geahndet worden. Das Gegenteil ist der Fall: Vielmehr sind von den Namen der Nazischergen oft nur nur die bekannt geworden, die in einem der (wenigen) Prozesse zur Sprache kamen. Sämtliche Personal- und Wehrunterlagen der Unterführerschule z.B. versenkten die vor den anrückenden Franzosen fliehenden Nazis im Mai 1945 im Bodensee.

Die angegebenen Dienstgrade der Waffen-SS können bei Wikipedia nachgeschlagen werden.

Heinrich Koeppen (1890-1939)
SS-Obersturmbannführer. Erster Kommandant der SS-Kaserne. Im Jahr 1936 übernahm er das Kommando über das SS-Bataillion. Die Radolfzeller SS-Germania unter dem Kommando von Koeppen wurde am 9.11.1938 zur Sprengung der Konstanzer Synagoge gerufen, als es der Konstanzer SS während der Reichspogromnacht nicht gelang, zusammen mit der Feuerwehr die Synagoge niederzubrennen. Die Synagogen auf der Höri ( Gailingen, Wangen/Öhningen) und näheren Umgebung (Gottmadingen/Randegg,) wurden ebenfalls von der Radolfzeller SS gesprengt oder niedergebrannt. In Horn/Wangen, Gailingen, Randegg, Singen und Überlingen wurden dutzende jüdische Männer in die Keller der Rathäuser verschleppt und schwer misshandelt bzw. gefoltert. Viele jüdische Männer wurden am darauf folgenden Tag ins KZ Dachau verbracht, wo einige von ihnen ums Leben kamen, andere, die wiederkehrten waren seelisch und körperlich gebrochen. (ausführlich: Bloch 1996: S. 145-150)

Koeppen leitete die SS-Germania beim Überfall auf Polen. Die SS-Germania war in Polen berüchtigt dafür, Zivilisten und Kriegsgefangene in den eroberten Städten hinzurichten, wurde jedoch in kurzer Zeit völlig aufgerieben, mit großen Verlusten an Menschen, Waffen und motorisierter Ausrüstung und hatte im folgenden nur noch untergeordnete Funktionen. Nach Koeppens Tod am 15.9.1939 in der Nähe von Lwow wurde die Radolfzeller Kaserne nach ihm benannt.

Ernst Buchmann (1897-?)
SS-Obersturmbannführer, verantwortlicher Kommandeur der SS Kaserne von 12/1939 – 02/1940

Heinrich Scheingraber (1900-?)
SS-Obersturmbannführer, Kommandeur der Kaserne von 2/1940 bis 10/1940, Adjutant im Konzentrationslager Dachau (1933-34), SS-Totenkopfstandarte ‚Oberbayern‘, KL Dachau (1934-1937).
Scheingraber war im Kreis Konstanz verantwortlich für die Deportationen von 314 Jüdinnen und Juden in das Lager Gurs wo viele schon bald nach ihrer Ankunft umkamen, andere fanden ihren Tod nach der Deportation in das KZ Auschwitz im Jahr 1942. Im Zuge der ‚Wagner-Bürckel-Aktion‘ im Oktober 1940 wurden im Landkreis Konstanz aus den Gemeinden Überlingen, Waldshut, Konstanz, Bohlingen, Gailingen, Hilzingen, Radolfzell, Randegg, Tiengen, Waldshut und Wangen Menschen deportiert.

(Heinrich) Heimo Hierthes (1897-1951)
SS-Standartenführer, Kommandeur der SS-Kaserne von 11/1940-10.01.1941. Unter Hierthes Kommando erfolgte die Verlegung des Bataillons von Radolfzell nach Stralsund. Hierthes starb in russischer Kriegsgefangenschaft.

Josef Seuß (1906-1946)
SS-Hauptscharführer, Rapportführer und berüchtigter Bunkerführer des KZ Dachau, dem sein Ruf bei der Versetzung nach Radolfzell vorauseilte. Im August 1942 anwesend bei der Erschiessung von 35 russischen Kriegsgefangenen in Dachau. Kommandoführer des Radolfzeller Außenlagers von Mai 1941 bis August 1942. Führte sich nach eigenen Angaben in Radolfzell besonders brutal auf. Zitat seines Untergebenen Lausterer: „SS-Hauptscharführer Seuß schlug die Gefangenen sehr oft während ihrer Zeit in Radolfzell. Er schlug sie mit seinen Händen, mit Stöcken und trat sie auch mit Füßen. Einmal sah ich, wie er einen kranken Häftling schlug, weil der Häftling zu krank für die Arbeit war. Ich sah Seuß auch, wie er Häftlinge von einem 30 bis 50 Meter hohen Damm hinunterstieß. Er tat dies, nachdem er sie geschlagen hatte“. Verurteilt zum Tode im Dachau-Hauptprozess. Wikipedia

Hugo Lausterer (1890-?)
SS-Scharführer, über drei Jahre Wachmann im KZ Dachau, immer wieder unterbrochen von Aussenlagereinsätzen. Noch Ende April 1945 als Reservewachmann beteiligt an einem Transport von ca. 1800 Jüdinnen und Juden von Dachau. Von Februar bis Oktober 1942 Wachmann des Arbeitskommandos unter Seuß in Radolfzell. Evtl. zeitweise auch Kommandoführer des Außenlagers. Verurteilt zu 10 Jahren Haft im Dachau-Hauptprozess. Wikipedia

Hermann Rostek (1898-1970)
SS-Oberscharführer, Kommandoführer des Dachauer Außenlagers in Radolfzell von Dezember 1943 bis Januar 1945. Im Februar 1945 noch für wenige Monate Kommandoführer im Dachauer Außenlager Fischhorn (Zell am See, Salzburger Land). In einem Dachauer Folgeprozess (Case No. 000-50-2-68) wurde Rostek 1947 wegen seiner Tätigkeiten im KZ Dachau und den Aussenlagern (1942-1945) zu zwei Jahren Haft verurteilt.

Schmitt oder Schmidt oder Schmid
SS-Unterscharführer oder SS-Oberscharführer, es gibt Hinweise darauf, dass er Kommandoführer des Außenlagers war in der Zeit vor Dezember 1943

Dr. Kurt Groß (1912 – ?)
SS-Sturmbannführer, Kompanieführer und im Stab der UFS Radolfzell 1943/44, Regimentsführer ‚SS-Regiment Radolfzell‘ (Januar 1945) als Nachfolger von Willy Braun, stellvertretender Kommandeur der Unterführerschule, Februar 1945.

Am 20. Juli 1944 befahl Groß die Tötung zweier in Öhningen und Wangen gefangen genommener amerikanischer Piloten, die nach dem Luftangriff auf Friedrichshafen mit ihren Fallschirmen abgesprungen waren. Die nach ihrem Kommandeur benannte „Kampfgruppe Groß“ (ca. 100 Männer) lieferte sich in Wahlwies eine Schiesserei mit einer Volksturmgruppe, die sich geweigert hatte, eine Panzersperre vor den anrückenden Franzosen zu schließen und erschoss noch kurz vor Kriegsende willkürlich 15 Zwangsarbeiter in Stockach.

Groß wurde 1947 in einem Dachau-Nachfolge- und Fliegerprozess zu lebenslanger Haft verurteilt.

Willy Braun (1908-?)
SS-Obersturmbannführer, Kommandeur der Unterführerschule Radolfzell (1943-1945); Kommandeur des ‚SS-Regiments Radolfzell‘ 1944/45, Einsatz am Brückenkopf Colmar, Mont de Sigolsheim, Mitte Dezember 1944 .

Felix Leithner
SS-Obersturmführer. Kompanieführer der 1. Kompanie der Unterführerschule (1944/45), Kommandeur der 6./SS-Rgt. Radolfzell (‚Kampfgruppe Leithner‘) (1944/45), Einsatz am Brückenkopf Colmar.

Karl Sattler (1913-1996)
SS-Obersturmbannführer, Kommandeur SS-Inf.Reg. 9, 1942 (Russland), 10. SS-Panzer-Division „Frundsberg“, 1944 (Russland, Frankreich), Kommandeur ‚Kampfgruppe Sattler‘ ab November 1944, (Radolfzell/Colmar) Wikipedia

Adolf Mattes
SS-Obersturmführer der Unterführerschule Radolfzell. Erschoss am 20. Juli 1944 zusammen mit Rudolf Spletzer die zwei gefangenen amerikanischen Piloten „auf der Flucht“. 1947 in einem Dachau-Nachfolge- und Fliegerprozess zu lebenslanger Haft verurteilt.

Rudolf Spletzer
SS-Oberscharführer der Unterführerschule Radolfzell. Erschoss am 20. Juli 1944 zusammen mit Adolf Mattes die zwei gefangenen amerikanischen Piloten „auf der Flucht“. 1947 in einem Dachau-Nachfolge- und Fliegerprozess zu lebenslanger Haft verurteilt.

Eduard Mack
SS-Untersturmführer. Beteiligt am Befehl zur Erschiessung der 2 gefangenen amerikanischen Piloten. 1947 in einem Dachau-Nachfolge- und http://de.wikipedia.org/wiki/Fliegerprozesse zu 5 Jahren Haft verurteilt.

Thomas Aschner
SS-Rottenführer?. Als Fahrer beteiligt am Befehl zur Erschiessung der 2 gefangenen amerikanischen Piloten. 1947 in einem Dachau-Nachfolgeprozess zu 3 Jahren Haft verurteilt.

Schomburg
SS-Obersturmführer, Regiments-Adjutant, gefallen am 15.9.1939, beim Überfall auf Polen, in der Nähe von Lwow

Quellen: