Archiv für April 2010

Lesung: Revolution und bewaffnete Aufstände in Deutschland 1918-1923

Buchvorstellung mit Bernd Langer.
Der seit den 80er Jahren aktive Antifaschist stellt im Rahmen seiner Lesereise sein neues Buch „Revolution und bewaffnete Aufstände in Deutschland 1918-1923“ vor.

Was ist Antifaschismus, woher kamen entscheidende Anstöße für die linke Bewegung?

Um diesen Fragen näher zu kommen, geht der Autor in seinem Buch auf die politische und gesellschaftliche Zäsur ein, die mit dem Ende des Ersten Weltkriegs verbunden ist. Fern ideologisierender Darstellungen wird die Entwicklung des Widerstands gegen den Krieg beschrieben, der sich durch die wirtschaftliche Notlage zu sozialem Massenprotest steigert.

Die Motivation des Autors beruht auf einer vom politischen Widerstand geprägten, eigenen Geschichte. Seit Jahren begleitet er in Bild, Tun und Schrift Versuche, soziale Gegenmacht zu organisieren. Er schreibt dazu: Das was damals begann, ist kein totes Beweisstück für die Gegenwart. Trotz vieler Unterschiede korrespondiert die Geschichte von 1918/23 mit der Gegenwart. Mit ihr verbindet sich ein entscheidender politischer Aufbruch in Deutschland, es werden Marksteine für die parlamentarische Demokratie gesetzt und die Revolutionäre Linke weist mit ihren Utopien über den Kapitalismus hinaus.

Nicht zuletzt haben Faschismus und Antifaschismus hier ihren Ursprung. Insofern behält die Vergangenheit Gültigkeit sowie identitätsstiftende und inspirierende Wirkung. Es gilt zu verstehen, dass die Menschen ihr Schicksal selbst gestalten, nichts ist im Voraus festgelegt und unausweichlich.

Dienstag, 27. 04.2010, 19 Uhr
Treffpunkt Petershausen
Georg – Elser-Platz 1

Radiocamp am Bodensee vom 12. bis 16. Mai 2010

auf dem DGB-Jugendcamp Markelfingen direkt am Bodensee.

Direkt am Bodensee gibt es einmal im Jahr ein Camp, das seit nunmehr 15 Jahren freie Radioaktive zum Kreativ-Werden, zum Lernen, zum Plaudern, zum Kontakteknüpfen und zum Produzieren einlädt: das Radiocamp auf dem DGB-Gelände in Markelfingen.

Vom 12. bis 16. Mai 2010 werden unterschiedlichste Radioworkshops angeboten: ob nun redaktionell, technisch oder theoretisch interessiert, Neues zu Erfahren gibt es auf allen Gebieten. Und da die Workshops noch mit kulturellem Programm, von verschiedenen Freizeitaktivitäten und wunderschöner Umgebung umschmückt sind, wird nicht nur die Wissbegier von Radio-Neulingen und Radio-Fortgeschrittenen gestillt, sondern auch das Kontakte knüpfen, Neue-Leute-Kennenlernen, Spaß-Haben und Diskutieren kommt nicht zu kurz.

In den vergangenen Jahren trafen sich hier RadiomacherInnen und GewerkschaftlerInnen allen Alters und aus allen Ecken der Erde, so soll es auch dieses Jahr werden.

Das Radiocamp ist mit 15 mitten in seiner Pubertät und wird wie die vergangenen Jahre die Neugierde und das Spaß- und Lernbedürfnis alter und junger Kinder, Jugendlicher und kleiner und großer Erwachsene befriedigen.

Bis Mitte Mai also!

Mehr Infos:
http://www.aff-bawue.org/radiocamp10.htm
http://www.aff-bawue.org/campinfos10.htm

Programm 2008:
http://www.aff-bawue.org/workshop10.htm

Anmeldung:
http://www.aff-bawue.org/anmeld2010.htm

Workshops:

On air – Einführungskurs
Hier sind die gut aufgehoben, die mit dem Radiomachen endlich richtig
anfangen wollen.

Aneignung von Medien
Beitragsproduktion zum BuKo-Kongress in Tübingen mit dem Titel:
„Nach den Sternen greifen – Kollektive Aneignung statt globaler Enteignung“

Zip-fm – Workshop
Das gemeinsame Nachrichtenmagazin Freier Radios:
hier trifft sich die Redaktion und ist offen für alle neuen Leute und Ideen!

Streamingworkshop
Wie produziere ich meinen eigenen Radiolivestream im Internet?

Musikrecherche
Als Ausgangspunkt der Suche nach dem geeigneten Musikstück gibt der
Workshop Einblicke in die Wirkungsweisen von Musik und zeigt
Möglichkeiten auf, Open Music zu nutzen.

Workshop für Kinder und Jugendliche
Radio ist klar nicht nur für Erwachsene da: auch Kinder und Jugendliche
sollen und können sich dort austoben.

Schreiben für’s Hören
Wer Inhalte rüberbringen will, muss seine Texte so schreiben, dass sie
im Radio gut verständlich klingen.

Bauen eines Radiosenders
Hier wird praktisch erlernt, wie es möglich ist, seinen eigenen
Radiosender zu bauen.

Kreative Beitragsgestaltung
Viel läuft in Freien Radios über Interviews. Doch spannender und schöner
zum Zuhören sind Reportagen, (Mini)Features, Hörspiele und
Experimentelle Produktionen

Zwischen Aktualitätsdruck und Parteilichkeit – Nachrichten im Freien Radio
Kurz, aber inhaltlich wertvolle Informationen zu übermitteln, ist nicht
einfach.
Jenseits der 1,5 Minuten Nachrichtenblocken soll erlernt werden wie WIR
Nachrichten aufwerten und übermitteln können.

Interkulturalität im freien Radioalltag
In Freien Radios soll/te es interkulturell zugehen: wie das am besten
funktioniert, wird hier gezeigt und diskutiert.

Stimmworkshop
Alles Rund um Stimme und ihrer Verbesserung im Radio.

Audiobearbeitung mit Audacity
Das Schnittprogramm Audacity ist nicht nur tauglich für kleine Schnitte:
sondern kann vieles mehr.

Freitagabend-Veranstaltung
Buchvorstellung:
Friedrich Burschel: „Stadt – Land – Rechts. Brauner Alltag in der
deutschen Provinz“

2-stündiges Radiofeature zu Radolfzell in der NS-Zeit

Hört am Sonntag rein bei Radio LoRa, dem freien Radio von Zürich, im Offenen Politkanal von 18 bis 20 Uhr.

Leider können wir hier in Konstanz LoRa aus Zürich nicht per UKW empfangen. Immerhin können wir das Webradio live hören!

Aus der Ankündigung:

Heute blicken wir nach Radolfzell am Bodensee, wenige Kilometer von der Schweizer Grenze entfernt. Eine kleine beschauliche Stadt? 1938 wurde unter dem Jubel der Bevölkerung Radolfzells eine SS-Kaserne eröffnet und später ein Aussenlager des Konzentrationslagers Dachau eingerichtet.

Nach dem Krieg wurde Radolfzell zur „Flüsterstadt“. Über die Verbrechen, die dort während des Dritten Reichs stattfanden, wurde nicht gesprochen. Dank einer jungen antifaschistischen Initiative wird die Geschichte Radolfzells endlich zum öffentlichen Thema gemacht. VertreterInnen der Gruppe sind im Studio.

HistorikerInnen haben sich der Geschichte Radolfzells im Nationalsozialismus angenommen, wir stellen ihre Forschungsergebnisse vor und blicken auf ein Theaterstück und einen Dokumentarfilm zum Thema.

Die Sendung wird am kommenden Donnerstag von 10.00 – 12.00 Uhr wiederholt.

Zum Audiostream im Archiv des Radio Lora.

Überwältigende Resonanz auf Filmvorführung und Podiumsdiskussion zur NS-Zeit in Radolfzell

Mit so viel Interesse hatte wohl kaum jemand an diesem Abend gerechnet. Gut und gerne 500 junge, mittelalte und alte Menschen schoben und drängelten sich in den nicht gerade kleinen Saal des Milchwerks um den 40-minütigen Film „Leichen im Keller“ von Günter Köhler zu sehen und an der anschliessenden über zweistündigen Podiumsdiskussion teilzunehmen.

Man hockte sich vor dem Podium, am seitlichen oder hinteren Treppenaufgang auf die Stufen, liess sich auf dem Boden nieder oder stand am Rande des Saals noch im Foyer. Ein gedämpftes Stimmengewirr erfüllte den Raum. Anwesend waren Menschen wie du und ich, Vertreter der politischen Klasse aus Radolfzell, der im Film vorkommende Oberbürgermeister Schmidt, der Autor des Theaterstücks „Die Flüsterstadt“, Gerd Zahner, Stadtarchivar Achim Fenner, Fredy Meyer, Historiker aus Wahlwies, prominente Künstler, Aktivisten von der APO, der Außerparlamentarischen Opposition von Radolfzell oder von ausserhalb Angereiste wie der Vertreter der Aktion Stolpersteine aus Konstanz und viele, viele, mehr. Mehrere Kameras zeichneten das Geschehen auf und Blitzlichter erhellten den Raum.

Der gut gemachte Film schaffte es, erstaunlich viele Facetten des Themas in äußerst kurzer Zeit zu thematisieren: die Geschichte der SS-Kaserne und des KZ-Aussenlagers von Dachau, die Begeisterung der Radolfzeller an „ihrer Kaserne“ in den späten 30er und frühen 40er Jahren, die ungeheuren Ausmaße des in Sklavenarbeit errichteten „Franzosen“-Schiessstandes, Geschichten von Flucht und Erschiessungen, Eheschliessungen zwischen Radolfzellerinnen und SS-Männern, Lebensborn in Grasbeuren, Reichsarbeitsdienst und Sexarbeit in Wahlwies, Kontinuität und Schweigen, Heldengedenken von, mit den und für die Nazis, spätere Volkstrauertage mit Kränzen vom Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge beim von der SS-geweihten Kriegerdenkmal im Nachkriegsradolfzell, wissenschaftliche Recherchen und unzugängliche Archive, informierte und nachdenkliche bzw. ignorante und nicht besonders reflektierte O-Töne von der Strasse des heutigen Radolfzells. All dies kann hier nur angerissen werden.

Mit am spannendsten war gegen Ende des Films die Darstellung, wie während des letzten Volkstrauertages die gewohnte Zeremonie am „Ehrenmal“ des früheren Horst-Wessel-Platzes, wo nach Kriegsende schnell mal eben der Reichsadler mit Hakenkreuz entfernt aber das ehrende Gedenken – auch an die Täter – über viele Jahrzehnte erhalten bleiben sollte, mit einer kritischen Rede der APO unterbrochen und der Opfer gedacht wurde. Mit der Aussage: „Vierundsechzig Jahre nach Kriegsende wird öffentlich ein Kranz für die in dieser Stadt geschundenen und gestorbenen KZ-Häftlinge niedergelegt“ endet der Film. Das Publikum bedankte sich mit donnerndem und lang anhaltendem Applaus.

In der längeren, jedoch nicht immer ganz so dichten zweiten Hälfte des Abends lauschten die ZuhörerInnen dem Podium und kamen gegen Ende selbst zu Wort. Auf dem Foto oben sind von links nach rechts die PodiumsteilnehmerInnen zu sehen: Der leider selten zu Wort kommende Filmemacher Günter Köhler, der Autor und Filmemacher Erich Schütz, der überraschend aufgeschlossen wirkende Historiker und CDU-Stadtrat Christoph Stadler, der souveräne Moderator Torsten Lucht, die schwach argumentierende Konstanzer Wissenschaftlerin Birgit Schwelling, der Sympathieträger Cem Güler von der APO sowie der klare Worte sprechende Historiker Markus Wolter. Der Verlauf der Diskussion kann hier nicht mehr wiedergegeben werden – vielleicht wird das zu einem späteren Zeitpunkt nachgeholt.

In der Schlussrunde wurden verschiedene Vorschläge gesammelt, wie es nun in Radolfzell mit der Gedenkpolitik weitergehen soll: Es wurde das Verlegen von sog. Stolpersteine angesprochen nicht nur für Jüdinnen und Juden sondern auch für andere Verfolgte des NS-Regimes, wie eine vollkommen ausgelöschte Roma-Familie, erleichterter Zugang zu den Archiven angemahnt, Bildungsarbeit in Schulen (u.a. mit dem gezeigten Film) angeregt und Kopien des Buchs mit den Erinnerungen des ehemaligen KZ Häftlings Leo Oesterle in jeder Schulbibliothek gefordert, das Schreiben einer umfassenden neueren Geschichte der Stadt Radolfzell und das Verbessern und Ergänzen der bestehende Mahnmale versprochen. Nicht ganz klar wurde, wie mit dem weitläufigen Gelände des ehemaligen SS-Schiessstandes umgegangen werden sollte. Die Anregung von Erich Schütz auch Tourismus mit Gedenkkultur anzukurbeln klang etwas überflüssig; der Verweis von Cem Güler darauf, dass auch das Tourismusbüro in seinem Abriss zur Stadtgeschichte keinen blinden Fleck in der Zeit zwischen 1933 und 1945 mehr aufweisen darf, war richtig. In den Redebeiträgen aus dem Publikum fiel eine Bemerkung auf, die daran erinnerte, dass die sich vor der Renovierung in einem sehr heruntergekommenen Zustand befindliche SS-Kaserne über 10 Jahre lang für die mehr schlechte als rechte Unterbringung von AsylbewerberInnen hergehalten hatte.

Zusammenfassend war das ein sehr gelungener Abend, mit vielen neuen Informationen, angenehmer Diskussionsatmosphäre und viel symbolischer Rückendeckung für diejenigen, die sich eine andere, offene und nicht mehr flüsternde, eine auch mal deutlich die Opfer bzw. Täter benennende und unterscheidende Erinnerungskultur in Radolfzell wünschen.

Die Aufführung des Films soll am 29.4. wiederholt werden.

Rezension des Stücks „Flüsterstadt“, das derzeit in Radolfzell gezeigt wird

Auf der Bühne ein namenloser Mann mit altmodischem Stativ und Fotoapparat, der einem Jungen in kurzen Hosen ein Brennglas zeigt und ihm erklärt: „Der Schmerz bringt die Dinge ans Licht“. Das Brennglas, so führt der Mann dem Jungen gegenüber in einer der Anfangsszenen aus, bündle das Licht, fokussiere dadurch den Blick und mache damit sichtbar, was sonst im Verborgenen läge. Träfen die Sonnenstrahlen den Betrachtenden, lösten sie durch Verbrennung Schmerzen aus.

Die Metapher des Brennglases steht paradigmatisch für die gesamte Unternehmung, mit der das Doppelgänger Theaterforum in der Scheffelhalle Radolfzell das Theaterstück „Flüsterstadt“ von Gerd Zahner auf die Bühne brachte, um den Blick auf Radolfzells Rolle im Nationalsozialismus zu lenken und den Mantel des Schweigens, der den öffentlichen Diskurs über Jahrzehnte dominierte, immerhin an manchen Stellen zu lüften. Der Aufführung war eine monatelange öffentliche Kontroverse in Radolfzell vorausgegangen, die die Realisierung dieses ehrgeizigen Projekts immer wieder herausforderte.

Die Rahmenhandlung des Stücks ist schnell erzählt. Der Mann und der Junge, die die Zuschauenden im Verlauf des Stücks als Vater (Torsten Blanke) und Sohn (Lisa Bresser) identifizieren, halten sich 1953 in einer zunächst namenlosen Stadt auf, um für eine deutsch-französische Broschüre Militärkasernen im Südbadischen abzulichten. Während der Vater fotografiert, erscheinen dem Jungen im Fiebertraum historische Figuren, die darüber berichten, was sie als KZ-Häftlinge, aber auch als SS-Scherge, als scheinbar unbeteiligte Passanten und als Angehörige der nachkommenden Generationen in Radolfzell erlebt haben. Was als assoziative Gedankenkette in Monologen des Vaters beginnt, die sich um die Mühsal der Erinnerung und das allzu leichte Vergessen drehen und in denen immer wieder nach einer Verortbarkeit von nationalsozialistischem Grauen gefragt wird, wird im Verlauf des Theaterstücks konkret benennbar. Der Stadtplan des nationalsozialistischen Radolfzell auf der Karte, die Vater und Sohn auf der Bühne im Verlauf des Stückes in Händen halten, nimmt in der Vorstellung der Zuschauenden immer mehr Gestalt an: Dort, in Radolfzell, befand sich die SS-Kaserne des SS-Totenkopfbataillons „Germania“, die 1938 eröffnet wurde, dort das Casino der Offiziere, schliesslich der so genannte „Stall“, in dem 130 KZ-Häftlinge, die ursprünglich aus dem KZ Dachau kamen, untergebracht werden; dort der überdimensionierte Schiessstand, den die Häftlinge des Radolfzeller Außenlagers des KZ Dachau unter menschenunwürdigen Bedingungen erbauen mussten, dort der Exerzierplatz und das Haupthaus der SS-Kaserne.

Von den Figuren, die dem Jungen im Traum erscheinen, gibt es mehrere historische Vorlagen, deren Schicksale Gerd Zahner recherchiert hat und die alle von Stefan Bresser gespielt werden.
Ein namenloses Opfer nationalsozialistischer Gräuelherrschaft erhält breiten Raum, von seinen Erfahrungen zu sprechen und beispielhaft für Millionen weitere Schicksale die Grausamkeit und Gewalttätigkeit in den Konzentrationslagern und an anderen Orten faschistischen Unrechts zu thematisieren. Gerd Zahner nutzte für seine historische Recherche die Erinnerungen Leonhard Oesterles, dessen Berichte auch über die Radolfzeller Haftzeit in Sigbert E. Kluwes Jugendbuch „Glücksvogel: Leos Geschichte“ nacherzählt werden. Das Buch erschien 1990 im Signal Verlag und ist mittlerweile aber vergriffen. Oesterle, der 1915 in Bietigheim-Bissingen geboren wurde, wurde als Mitglied einer kommunistischen Widerstandsgruppe 1941 von Dachau aus in das Außenlager Radolfzell verlegt, von wo aus ihm 2 Jahre später zusammen mit einem Mithäftling die Flucht über den See in die Schweiz gelang. Leonard Oesterle wanderte in den 50er Jahren nach Kanada aus, wo er als Künstler und Professor für Bildhauerei bis zu seinem Tod 2009 lebte.

Der lange Monolog des unbekannten Häftlings in der grauweissgestreiften Häftlingsuniform geht unter die Haut, Stefan Bresser agiert ausdrucksstark mit vollem Körpereinsatz und vermittelt damit den Zuschauenden eine Ahnung davon, wie existenziell die Erfahrungen der Gefangenen in Radolfzell waren: Das Leben in Gefangenschaft, die permanente Angst vor der unberechenbaren Gewalt der SS, Rechtlosigkeit, Hunger, Kälte und Schmerz bestimmten das Leben der Häftlinge des KZ-Außenlagers Radolfzell.

Besonders auf die unmenschliche Arbeit an der Moräne, in die der monumentale Schießstand hineingetrieben wurde, nimmt er im weiteren Verlauf des Theaterstücks immer wieder Bezug. Wenn Gerd Zahner den Häftling auf der Bühne davon berichten lässt, wie beschwerlich die Arbeit am Bau des Schießstands „in der Nähe des Friedhofs“ war, so ist das nicht nur eine Ortsbeschreibung, sondern spielt auch auf das nationalsozialistische Konzept der „Vernichtung durch Arbeit“ an. Indem auf der Bühne wiederholt darauf verwiesen wird, wie die Häftlinge gezwungen waren, einen völlig überdimensionierten Schießstand im Aussenbohl zu errichten, obwohl es auch möglich gewesen wäre, einen realistisch proportionierten Schießstand an einem anderen, weniger kräftezehrenden Ort neu zu bauen, relativieren sich dadurch die Aussagen, die immer wieder in der Diskussion um die Lebensbedingungen der Häftlinge im KZ Radolfzell zu hören sind: Die Häftlinge hätten es ja noch „gut in Radolfzell“ gehabt. Es zählt zu den besonderen Verdiensten der „Flüsterstadt“, diese unsäglichen Aussagen Lügen zu strafen.

Sehr bewegend bringt auch Sava Vinokic das Schicksal eines tschechischen Häftlings auf die Bühne, welches ebenfalls in Leonhard Oesterles Erinnerungen nacherzählt wird.
Drei tschechischen Häftlingen gelang die Flucht aus dem KZ-Außenlager, nachdem sie die Wachen überwältigen konnten. Einer von ihnen wurde erschossen zurückgebracht, ein weiterer wurde ebenfalls gefasst, für den dritten vermutet Oesterle, dass er die Flucht in die Freiheit geschafft haben könnte, auch wenn die SS mitteilte, er sei tot aufgefunden worden. Für die übrigen Häftlinge waren so lange, bis die Flüchtlinge wieder gefasst wurden, extreme Schikanen angeordnet worden: Sie mussten die ganze Nacht und den folgenden Tag auf dem Kasernenhof in Reih und Glied stramm stehen, in der prallen Sonne, ohne Essen, ohne Trinken und ohne auf die Toilette gehen zu können.

Als weitere historische Figur tritt der Bürgermeister (David Michel) samt Sekretärin (Katrin Ehrler) auf. Wenn der Bürgermeister im Samtanzug mit breitem Honoratiorenschwäbisch eine Rede zur Grundsteinlegung der SS-Kaserne 1937 einstudiert, wirkt dies vor allem grotesk. Die bräsig vorgetragen Rede, die verschiedene Versatzstücke nationalsozialistischer Rhetorik zu kleinen (un-)freiwillig komischen Perlen montiert („Ich bin der Bürger und Meister, weil jeder Bürger einen Meister braucht. Das ist das Wesen der Deutschen.“), bringt die Zuschauenden zum Schmunzeln und macht aber auch deutlich, dass es für Radolfzell ein Prestigegewinn war, gegenüber 178 anderen Bewerberorten den Zuschlag zum Bau der SS-Kaserne erhalten zu haben. Mit dem Auftritt des Bürgermeisters visualisiert Gerd Zahner, in wie weit sich die Stadt Radolfzell durch den Bau der SS-Kaserne auch handfeste ökonomische Vorteile wie neue Arbeitsplätze, Mieteinnahmen und Aufträge für die ansässigen Kaufleute und Handwerker erhoffte. Was der Bühnenfigur des Bürgermeisters bedauerlicherweise fehlt, sind Hinweise auf die nationalsozialistische Gesinnung zweier Bürgermeister in Radolfzell. Eugen Speer, der bereits in den 20er Jahren NSDAP-Parteimitglied war, fädelte in seiner Amtszeit den Bau der SS-Kaserne ein. Er zählte als NDSAP – Kreisleiter und Gauinspektor zu den Funktionseliten des Nationalsozialismus im Südwesten. Sein Nachfolger, Handelskammerpräsident Josef Jöhle aus Konstanz, ebenfalls NSDAP-Mitglied, wurde von der NSDAP-Kreisleitung zum Bürgermeister ernannt. Im Begleitheft zum Theaterstück, in dem drei ausführliche Artikel die historische Faktenlage nochmals zusammentragen, finden sich diese Informationen über die Gesinnung der Radolfzeller Bürgermeister, es bleibt aber nicht nachvollziehbar, warum sie im Theaterstück nicht expliziter thematisiert wurde.

Den nächsten Auftritt hat ein namenloser SS-Offizier (Harmen Henne), der möglicherweise Vater des kleinen Jungen aus der Rahmenhandlung ist, und als kaltblütiger, nihilistischer Charakter präsentiert wird. Harmen Henne spielt den SS-Offizier überzeugend als archetypisch Bösen. Ein Mann mit grausamem Charakter und daher Funktionsträger der SS? Während in zahlreichen historischen Arbeiten immer wieder betont wurde, dass SS-Männer überzeugte Nationalsozialisten waren, weil sie hinter der menschenverachtenden Ideologie und deren Durchsetzung im Dritten Reich standen, bleiben die politischen Überzeugungen des SS-Offiziers auf der Bühne bei der „Flüsterstadt“ unklar. Die Motivation des SS-Manns, sich aktiv an den Gräuel des Nationalsozialismus, zu beteiligen, über dessen vermeintlich „grausamen Charakter“ erklären zu wollen, trägt nicht. Schade, dass Gerd Zahner seine Figur des SS-Manns nicht differenzierter entworfen und einen exemplarischen Einblick in das politische Weltbild der SS gegeben hat. Dennoch zählt die Szene mit dem SS-Mann zu den besonders packenden Eindrücken für die Zuschauenden. Gerd Zahner lässt den SS-Mann ganze viermal auf der Bühne die Pistole ziehen, mit der er auf eines seiner Opfer schießt das wiederum von Stefan Bresser verkörpert wird, während sich das Publikum das Blut vorstellen kann, das dabei auf Radolfzeller Boden tropft. Wiederum bezieht sich Gerd Zahner auf eine Sequenz, die einen realen Hintergrund hat. Im November 1941 kam es zur willkürlichen Erschießung des KZ-Häftlings Jakob Dörr, dem laut Überlieferung seine Mütze von einem Soldaten der Wachmannschaften abgerissen und hinter die Postenlinie geworfen wurde. Als er dem Befehl, die Mütze zu holen, nach kam, wurde er „auf der Flucht erschossen“.

Auf der Bühne wird das Blut beschrieben, das als sichtbares Zeichen nationalsozialistischer Gewalt im Boden versickert; anstatt nach dem Krieg an diese Orte nationalsozialistischen Grauens in Radolfzell zu erinnern, wird darüber geschwiegen und darüber gebaut. Eine ältere Frau betritt die Bühne und bringt, während sie in der ehemaligen SS-Kaserne steht, die bis 1977 vom französischen Militär genutzt wurde, die Verdrängung und das beharrliche Schweigen über die Rolle Radolfzell im Nationalsozialismus auf den Punkt: „Vor den Franzosen hat es hier nichts gegeben.“ Die Frage, die sich in dieser Szene aufdrängt, ist, wie es möglich war, nach 1945 derart eisern zu verdrängen. Das Stück lässt die Zuschauenden ratlos zurück an dieser Stelle.

Das Verdrängen der SS-Kaserne, das Verdrängen des Außenlagers des Konzentrationslagers Dachau in Radolfzell wird immer wieder im Stück problematisiert.
Dabei lässt es Gerd Zahner nicht an deutlichen Worten fehlen. Einer seiner Figuren auf der Bühne legt er folgenden markigen Satz in den Mund: „Diese Stadt ist wie ein Glas, in dem ein Schlafmittel aufgelöst wird“. Auch die Nachgeborenen, wie etwa die beiden Hippies, die im Jahr 1977 verortet sind und dem Jungen im Fiebertraum erscheinen, sind nicht an einer Aufarbeitung der Geschichte interessiert. Auch diese Aussage entspricht der historischen Realität. Der HIAG (der „Bundesverband der Soldaten der ehemaligen Waffen-SS e.V. – Hilfsgemeinschaft auf Gegenseitigkeit“ ein Sammelbecken für unverbesserliche Altnazis, Holocaustleugner oder Verherrlicher der Nazigräuel) konnte jahrelang zu revanchistischen Treffen in Radolfzell zusammenkommen, erst in den 70er Jahren kam es zu Protesten seitens der Bevölkerung.

Ein weiterer Strang in der „Flüsterstadt“ erzählt die Geschichte des Lebensborn, einer Einrichtung, in der „rassisch einwandfreie Frauen“ mit SS-Männern Kinder zeugten, um dem „Führer ein Kind zu schenken“. Die Frauen bekamen dafür 3000 Reichsmark, durften das Kind aber nicht selbst aufziehen. Die Kinder wuchsen im Lebensborn in eigenen Einrichtungen auf, wo sie im Geist der Nationalsozialismus erzogen wurden. Im Stück gibt es Andeutungen, dass sich auch Mädchen und junge Frauen aus Rottweil und aus der Bodenseegegend mit SS-Männer einließen und dann in einem der Lebensbornheime Kinder auf die Welt brachten. Spätestens mit diesen Szenen wird deutlich, dass die SS-Kaserne und mit ihr deren Bewohner Teil der Stadt Radolfzell waren. Zwischen den Radolfzellern und den Angehörigen der Kaserne entstand über die Jahre ein komplexes Beziehungsgeflecht. Die „Flüsterstadt“ zeigt als Ganzes folgerichtig auf, dass im Radolfzell des Dritten Reichs jeden Tag Menschen mit ihrem Handeln dazu beitrugen, die nationalsozialistische Herrschaft aufrecht zu erhalten. Eigentlich eine historische Binsenweisheit, die in Radolfzell scheinbar noch nicht angekommen war und auch über 60 Jahre danach noch genügend Konfliktpotential aufweist, wie die Diskussionen um „Die Flüsterstadt“ im Vorfeld aufzeigen.

Dem Stück „Die Flüsterstadt“ sind viele weitere Zuschauer und Zuschauerinnen zu wünschen. Das Stück ist konzeptionell so angelegt, dass es wesentliche historische Fakten hinreichend genau und für breite Kreise verständlich wiedergibt, das Schicksal der Häftlinge des KZ-Außenlagers plastisch vermittelt und auf die besondere Rolle der SS-Kaserne für das nationalsozialistische und heutige Radolfzell verweist. Die drei konzentrierten Aufsätze von Achim Fenner und Markus Wolter über die Geschichte Radolfzells im Nationalsozialismus und das Schweigen danach, sind sehr lesenswert und vertiefen die auf der Bühne angesprochenen Aspekte sehr gut.
Bei der Aufführung, die der Rezension und den Bühnenfotos zu Grunde liegt, waren auffallend wenige junge Gesichter im Publikum zu sehen. Es wäre zu wünschen, dass auch Schulklassen an einer der Aufführungen teilnehmen.

Auch mit der „Flüsterstadt“ ist die Auseinandersetzung um den Nationalsozialismus in Radolfzell sowie an anderen Orten rund um den Bodensee nicht abgeschlossen. In der lokalen Presse fallen die erstaunlich wohlwollenden Besprechungen auf, bei denen sich AntifaschistInnen nicht des Eindrucks erwehren können, dass damit auch die Aufarbeitung nationalsozialistischer Geschichte in Radolfzell für erfolgreich abgeschlossen erklärt werden soll. Aus antifaschistischer Sicht muss die „Flüsterstadt“ viel mehr ein Anlass sein, nicht locker zu lassen. Es fehlt in Radolfzell immer noch an einer gesellschaftlich breiten Auseinandersetzung mit seiner Geschichte im Nationalsozialismus. Die scheinbar unisono begeisterte Aufnahme des Stücks darf nicht über den tatsächlichen Graben zwischen denen hinwegtäuschen, die an einer Auseinandersetzung mit der Geschichte und der historischen Verantwortung Radolfzells interessiert sind und deren Gegnern, die es nach wie vor gibt.

Viele Fragen sind immer noch offen und nicht Gegenstand einer öffentlichen Diskussion: Welche Firmen, aber auch welche Leute haben z.B. konkret von der SS-Kaserne profitiert? Welche Politiken haben im Nachkriegsradolfzell eine Auseinandersetzung verhindert? Gab es Versuche, dieses Schweigen aufzubrechen? Wie können Kontakte zu ehemaligen Häftlingen und Zeitzeugen hergestellt werden?

Immer noch fehlt es an einem Mahnmal an der ehemaligen SS-Kaserne.
Immer noch fehlt es auch an einem angemessenen zentralen Gedenkort für die Häftlinge des ehemaligen KZ-Außenlagers. Die Bitte um Entschuldigung bei den Opfern und ihre Entschädigung und/oder die ihrer Familien ist mehr als angebracht und muss so schnell wie möglich in die Wege geleitet werden, bevor auch die letzten ehemaligen Häftlinge verstorben sind.

Zahlreiche Gründe, sich nach dem gelungenen Theaterabend nicht entspannt zurück zu lehnen!

Kein Vergeben, kein Vergessen!

Die nächsten beiden Aufführungen finden am 1. und 2. Mai, jeweils um 20 Uhr statt. Kartenvorverkauf: Südkurier Radolfzell.

Radolfzell zur Zeit des Nationalsozialismus: die Täter

Seit dem Veranstaltungsbericht „Ehemalige SS-Kaserne in Radolfzell und das KZ Außenlager von Dachau“ vom April 2008 sind zahlreiche neue Informationen über Radolfzell in der Zeit des Nationalsozialismus bekannt geworden.

Der Bericht zur Radolfzeller SS-Kaserne soll daher um einige Details speziell zu den Tätern – Soldaten der SS-Verfügungstruppe, des SS-Totenkopf-Bataillons und der SS-Unterführerschule sowie den Wachmannschaften des KZ Außenlagers – ergänzt werden. Ihre Namen sind u.a. in den Protokollen des Dachauer Holocaust-Prozesses wiederzufinden, der als Faksimile heruntergeladen werden kann oder auch in begeisterten Berichten der Radolfzeller Lokalpresse dieser Zeit.

Wenn man weiss, dass in der Kaserne zeitweise fast 1500 Soldaten stationiert waren und eine hohe Fluktuation herrschte, sollte klar sein, dass hier nur eine verschwindend geringe Untermenge der Nazis und ihrer Verbrechen benannt werden können, die im Zusammenhang mit der Radolfzeller SS-Kaserne und dem KZ-Außenlager stehen. Oft wurden die SS-Männer nur vorübergehend in Radolfzell stationiert und kamen in weiteren Konzentrationslagern und Aussenlagern z.B. als Wachmannschaften zum Einsatz.

Einige der hier aufgeführten SS-Täter mussten sich vor Gericht verantworten: im Dachauer Hauptprozess, in den Dachauer Nachfolgeprozessen bzw. den sog. Fliegerprozessen. Es mag der Eindruck entstehen, als seien viele oder zumindest die schlimmsten Verbrechen in den Nachkriegsjahren auch strafrechtlich geahndet worden. Das Gegenteil ist der Fall: Vielmehr sind von den Namen der Nazischergen oft nur nur die bekannt geworden, die in einem der (wenigen) Prozesse zur Sprache kamen. Sämtliche Personal- und Wehrunterlagen der Unterführerschule z.B. versenkten die vor den anrückenden Franzosen fliehenden Nazis im Mai 1945 im Bodensee.

Die angegebenen Dienstgrade der Waffen-SS können bei Wikipedia nachgeschlagen werden.

Heinrich Koeppen (1890-1939)
SS-Obersturmbannführer. Erster Kommandant der SS-Kaserne. Im Jahr 1936 übernahm er das Kommando über das SS-Bataillion. Die Radolfzeller SS-Germania unter dem Kommando von Koeppen wurde am 9.11.1938 zur Sprengung der Konstanzer Synagoge gerufen, als es der Konstanzer SS während der Reichspogromnacht nicht gelang, zusammen mit der Feuerwehr die Synagoge niederzubrennen. Die Synagogen auf der Höri ( Gailingen, Wangen/Öhningen) und näheren Umgebung (Gottmadingen/Randegg,) wurden ebenfalls von der Radolfzeller SS gesprengt oder niedergebrannt. In Horn/Wangen, Gailingen, Randegg, Singen und Überlingen wurden dutzende jüdische Männer in die Keller der Rathäuser verschleppt und schwer misshandelt bzw. gefoltert. Viele jüdische Männer wurden am darauf folgenden Tag ins KZ Dachau verbracht, wo einige von ihnen ums Leben kamen, andere, die wiederkehrten waren seelisch und körperlich gebrochen. (ausführlich: Bloch 1996: S. 145-150)

Koeppen leitete die SS-Germania beim Überfall auf Polen. Die SS-Germania war in Polen berüchtigt dafür, Zivilisten und Kriegsgefangene in den eroberten Städten hinzurichten, wurde jedoch in kurzer Zeit völlig aufgerieben, mit großen Verlusten an Menschen, Waffen und motorisierter Ausrüstung und hatte im folgenden nur noch untergeordnete Funktionen. Nach Koeppens Tod am 15.9.1939 in der Nähe von Lwow wurde die Radolfzeller Kaserne nach ihm benannt.

Ernst Buchmann (1897-?)
SS-Obersturmbannführer, verantwortlicher Kommandeur der SS Kaserne von 12/1939 – 02/1940

Heinrich Scheingraber (1900-?)
SS-Obersturmbannführer, Kommandeur der Kaserne von 2/1940 bis 10/1940, Adjutant im Konzentrationslager Dachau (1933-34), SS-Totenkopfstandarte ‚Oberbayern‘, KL Dachau (1934-1937).
Scheingraber war im Kreis Konstanz verantwortlich für die Deportationen von 314 Jüdinnen und Juden in das Lager Gurs wo viele schon bald nach ihrer Ankunft umkamen, andere fanden ihren Tod nach der Deportation in das KZ Auschwitz im Jahr 1942. Im Zuge der ‚Wagner-Bürckel-Aktion‘ im Oktober 1940 wurden im Landkreis Konstanz aus den Gemeinden Überlingen, Waldshut, Konstanz, Bohlingen, Gailingen, Hilzingen, Radolfzell, Randegg, Tiengen, Waldshut und Wangen Menschen deportiert.

(Heinrich) Heimo Hierthes (1897-1951)
SS-Standartenführer, Kommandeur der SS-Kaserne von 11/1940-10.01.1941. Unter Hierthes Kommando erfolgte die Verlegung des Bataillons von Radolfzell nach Stralsund. Hierthes starb in russischer Kriegsgefangenschaft.

Josef Seuß (1906-1946)
SS-Hauptscharführer, Rapportführer und berüchtigter Bunkerführer des KZ Dachau, dem sein Ruf bei der Versetzung nach Radolfzell vorauseilte. Im August 1942 anwesend bei der Erschiessung von 35 russischen Kriegsgefangenen in Dachau. Kommandoführer des Radolfzeller Außenlagers von Mai 1941 bis August 1942. Führte sich nach eigenen Angaben in Radolfzell besonders brutal auf. Zitat seines Untergebenen Lausterer: „SS-Hauptscharführer Seuß schlug die Gefangenen sehr oft während ihrer Zeit in Radolfzell. Er schlug sie mit seinen Händen, mit Stöcken und trat sie auch mit Füßen. Einmal sah ich, wie er einen kranken Häftling schlug, weil der Häftling zu krank für die Arbeit war. Ich sah Seuß auch, wie er Häftlinge von einem 30 bis 50 Meter hohen Damm hinunterstieß. Er tat dies, nachdem er sie geschlagen hatte“. Verurteilt zum Tode im Dachau-Hauptprozess. Wikipedia

Hugo Lausterer (1890-?)
SS-Scharführer, über drei Jahre Wachmann im KZ Dachau, immer wieder unterbrochen von Aussenlagereinsätzen. Noch Ende April 1945 als Reservewachmann beteiligt an einem Transport von ca. 1800 Jüdinnen und Juden von Dachau. Von Februar bis Oktober 1942 Wachmann des Arbeitskommandos unter Seuß in Radolfzell. Evtl. zeitweise auch Kommandoführer des Außenlagers. Verurteilt zu 10 Jahren Haft im Dachau-Hauptprozess. Wikipedia

Hermann Rostek (1898-1970)
SS-Oberscharführer, Kommandoführer des Dachauer Außenlagers in Radolfzell von Dezember 1943 bis Januar 1945. Im Februar 1945 noch für wenige Monate Kommandoführer im Dachauer Außenlager Fischhorn (Zell am See, Salzburger Land). In einem Dachauer Folgeprozess (Case No. 000-50-2-68) wurde Rostek 1947 wegen seiner Tätigkeiten im KZ Dachau und den Aussenlagern (1942-1945) zu zwei Jahren Haft verurteilt.

Schmitt oder Schmidt oder Schmid
SS-Unterscharführer oder SS-Oberscharführer, es gibt Hinweise darauf, dass er Kommandoführer des Außenlagers war in der Zeit vor Dezember 1943

Dr. Kurt Groß (1912 – ?)
SS-Sturmbannführer, Kompanieführer und im Stab der UFS Radolfzell 1943/44, Regimentsführer ‚SS-Regiment Radolfzell‘ (Januar 1945) als Nachfolger von Willy Braun, stellvertretender Kommandeur der Unterführerschule, Februar 1945.

Am 20. Juli 1944 befahl Groß die Tötung zweier in Öhningen und Wangen gefangen genommener amerikanischer Piloten, die nach dem Luftangriff auf Friedrichshafen mit ihren Fallschirmen abgesprungen waren. Die nach ihrem Kommandeur benannte „Kampfgruppe Groß“ (ca. 100 Männer) lieferte sich in Wahlwies eine Schiesserei mit einer Volksturmgruppe, die sich geweigert hatte, eine Panzersperre vor den anrückenden Franzosen zu schließen und erschoss noch kurz vor Kriegsende willkürlich 15 Zwangsarbeiter in Stockach.

Groß wurde 1947 in einem Dachau-Nachfolge- und Fliegerprozess zu lebenslanger Haft verurteilt.

Willy Braun (1908-?)
SS-Obersturmbannführer, Kommandeur der Unterführerschule Radolfzell (1943-1945); Kommandeur des ‚SS-Regiments Radolfzell‘ 1944/45, Einsatz am Brückenkopf Colmar, Mont de Sigolsheim, Mitte Dezember 1944 .

Felix Leithner
SS-Obersturmführer. Kompanieführer der 1. Kompanie der Unterführerschule (1944/45), Kommandeur der 6./SS-Rgt. Radolfzell (‚Kampfgruppe Leithner‘) (1944/45), Einsatz am Brückenkopf Colmar.

Karl Sattler (1913-1996)
SS-Obersturmbannführer, Kommandeur SS-Inf.Reg. 9, 1942 (Russland), 10. SS-Panzer-Division „Frundsberg“, 1944 (Russland, Frankreich), Kommandeur ‚Kampfgruppe Sattler‘ ab November 1944, (Radolfzell/Colmar) Wikipedia

Adolf Mattes
SS-Obersturmführer der Unterführerschule Radolfzell. Erschoss am 20. Juli 1944 zusammen mit Rudolf Spletzer die zwei gefangenen amerikanischen Piloten „auf der Flucht“. 1947 in einem Dachau-Nachfolge- und Fliegerprozess zu lebenslanger Haft verurteilt.

Rudolf Spletzer
SS-Oberscharführer der Unterführerschule Radolfzell. Erschoss am 20. Juli 1944 zusammen mit Adolf Mattes die zwei gefangenen amerikanischen Piloten „auf der Flucht“. 1947 in einem Dachau-Nachfolge- und Fliegerprozess zu lebenslanger Haft verurteilt.

Eduard Mack
SS-Untersturmführer. Beteiligt am Befehl zur Erschiessung der 2 gefangenen amerikanischen Piloten. 1947 in einem Dachau-Nachfolge- und http://de.wikipedia.org/wiki/Fliegerprozesse zu 5 Jahren Haft verurteilt.

Thomas Aschner
SS-Rottenführer?. Als Fahrer beteiligt am Befehl zur Erschiessung der 2 gefangenen amerikanischen Piloten. 1947 in einem Dachau-Nachfolgeprozess zu 3 Jahren Haft verurteilt.

Schomburg
SS-Obersturmführer, Regiments-Adjutant, gefallen am 15.9.1939, beim Überfall auf Polen, in der Nähe von Lwow

Quellen:

„Leichen im Keller“. Dokumentarfilm von Günter Köhler im Milchwerk von Radolfzell

Der Filmemacher Günter Köhler zeigt am 16. April 2010 im Radolfzeller Milchwerk seinen Film „Leichen im Keller“.

Es handelt sich um eine Dokumenatation über die ehemalige SS-Kaserne und das Dachauer KZ-Aussenlager von Radolfzell. Im Anschluss wird es eine Podiumsdiskussion geben.

Im Anschluss an die Filmvorführung findet eine Podiumsdiskussion unter dem Titel „Vergangen , vergessen, vorbei? Die NS-Zeit in Radolfzell“ statt. Es nehmen teil der Schriftsteller Erich Schütz, der Historiker Markus Wolter, Birgit Schwelling, Leiterin der Forschungsgruppe „Geschichte + Gedächtnis“ der Universität Konstanz, CDU Stadtrat und Historiker Christoph Stadler sowie Cem Güler von der Gruppe APO (Außerparlamentarische Opposition).

Das Thema ist in den letzten zwei Jahren sehr aktuell geworden, seit mehr historische Details bekannt wurden, ein Theaterstück geschrieben und die Forderungen nach einem angemessenem Mahnmal laut geworden sind.

Günter Köhler verbindet mit seinem Film ebenfalls die Forderung nach einem Denkmal vor der ehemaligen SS-Kaserne, das auf dieses dunkle Kapitel der Radolfzeller Geschichte hinweist.

„Die Flüsterstadt“: Ein Theaterstück über die ehemalige SS-Kaserne in Radolfzell

Die Uraufführung des Theaterstücks von Gerd Zahner „Die Flüsterstadt“ findet am 9. April um 20 Uhr im Scheffelhof von Radolfzell statt. Weitere Aufführungen: 10. und 11. April, 1. und 2. Mai, jeweils 20 Uhr. Kartenvorverkauf: Südkurier Radolfzell

Über die Geschichte der SS-Kaserne und des KZ-Außenlagers von Dachau in Radolfzell haben wir berichtet.

Das Stück hat in der Stadt Radolfzell hohe Wellen geschlagen: Der Kulturausschuss des Gemeinderates machte für seine bescheidene Förderung von 5000 Euro für dessen Realisierung erhebliche Auflagen. Achim Fenner, Archivar der Stadt Radolfzell, kritisierte das Stück inhaltlich und wollte dem Autor in seinen künstlerischen Ausdruck hineinreden. Einzelne Gemeinderäte machten den Vorschlag, dass Fenner vor jeder Aufführung des Stücks einen Prolog mit inhaltlichen Richtigstellungen halten sollte – letztlich wurde daraus ein Beiblatt im Programmheft. Änderungen an seinem Stück lehnte der Autor mit Verweis auf seine künstlerische Freiheit ab.

Fenner monierte laut Singener Wochenblatt in der genannten Sitzung des Kulturausschusses , es „sei nur ein Todesfall durch die SS in der Kaserne ermittelt worden. Kein Häftling sei hier standrechtlich erschossen worden. Nur ein Deserteur sei auf der Flucht durch ein böses Spiel mit einer gedachten Linie und einer verpflichtenden Mütze auf dem Kopf erschossen worden.“ (SW 12.1.2010). Fenner fürchtet offenbar – wie bereits bei seinem eigenen Vortrag zu diesem Thema im April 2008 – um den guten Ruf der Stadt und begab sich auf das dünne Eis des Relativierens der Gräueltaten rund um die Radolfzeller SS-Kaserne.

Gerd Zahner hatte im Jahr 2008 bereits ein Stück aufgeführt, das die Geschichte einer nach Singen deportierten Zwangsarbeiterin aus Osteuropa erzählt, die dort im Zwangsarbeitslager „Gütterli“ für das Unternehmen Maggi schuften musste.

Alex Uzuwulu, gestorben mit 29 Jahren – kurz vor der Zwangsausschaffung

Quelle: http://no-racism.net/article/3298/ 23.3.2010

Eine Geschichte über rassistische Stereotype, Widersprüche, Zwangsgewalt und Sonderflüge für Abschiebehäftlinge, Widerstand, Gefängnisse, Hungerstreiks und weitere Proteste.

Am 17. März 2010 sollte ein „Sonderflug für Abschiebehäftlinge in die nigerianische Stadt Lagos“ vom Flughafen in Zürich starten. Insgesamt 16 Personen hätten gegen ihre Willen abgeschoben werden sollen, jede_r begleitet von zwei Polizist_innen. Es handelte sich um eine sogenannte Level 4 Abschiebung, mit Anwendung fast aller Zwangsmaßnahmen. Derartige Abschiebungen mittels Chartermaschinen starten immer öfter – und überall in Europa. Wegen des Ausschlusses der Öffentlichkeit und der damit verbundenen unbeobachteten Anwendung von Gewalt durch die Abschiebebeamt_innen gibt es seit Jahren Proteste dagegen.

Früher wurden sogenannte Problemabschiebungen meist mit Linienflugzeugen vollzogen. Nachdem es Ende der 1990er Jahre dabei mehrmals zu Toten gekommen war – vor den Augen zahlreicher Zeug_innen wurden abzuschiebende Personen brutal behandelt – wurde EU-weit an der Einführung von Abschiebungen mit Charterflugzeugen oder Militärmaschinen gearbeitet. Mittlerweile sind diese Abschiebeflüge zur Routine geworden, in zahlreichen EU-Verträgen fixiert, mit Unsummen finanziert und haben zahlreichen Firmen ein neues Geschäftsfeld eröffnet. Darüber hinaus soll die Grenzschutzagentur Frontex bald eigene Abschiebeflieger bekommen.

Während in Österreich Charterabschiebungen von angeblichen Menschenrechtsbeobachter_innen begleitet werden, werden in der Schweiz nach dem neuerlichen Toten im Zuge einer Abschiebung ebenfalls unabhängige Beobachter_innen gefordert. Schweizerischen Medien berichten, dass dieser Forderung von Organisationen wie Amnesty International nachgekommen werden soll und „in Zukunft ein unabhängiger Beobachter bei einer zwangsweisen Rückführung dabei sein wird“, wie Jonas Montani, Sprecher des Bundesamts für Migration (BFM) in der NZZ angab. Als Grund wird die mit dem Schengenbeitritt der Schweiz notwendige Umsetzung der EU-Rückführungsrichtlinie angegeben. „In Kraft trete sie in der Schweiz voraussichtlich Anfang des nächsten Jahres. Noch nicht klar sei, wie die Überwachung dann im Detail aussehen würde – etwa, woher die unabhängigen Beobachter kommen sollen.“

Doch werden diese wohl kaum etwas an der Ausübung der Zwangsgewalt ändern, vor allem wenn sich Leute weiterhin gegen die Abschiebung wehren. Die Anwendung von Zwangsgewalt wird immer wieder als „notwendig“ und „legitim“ bezeichnet. Legitimiert wird die massiven Gewaltanwendung über rassistische Stereotype. So werden Afrikaner(_innen) immer wieder mit Drogen in Verbindung gebracht, was zu einer Gleichsetzung von Schwarz = Drogenhändler(_in) führt. Auch Alex Uzuwulu, der am 17. März 2010 von Abschiebebeamten zu-tode-behandelt wurde, war „polizeilich wegen Drogenhandels verzeichnet“, wie aus Medienberichten zu erfahren ist. Er wird so zur Bedrohung erklärt, um ein übermäßig brutales Vorgehen zu rechtfertigten. Widerstand gegen die Abschiebung wird als gewalttätig dargestellt. Er starb kurz vor der Zwangsausschaffung unter ungeklärten Umständen in Polizeigewahrsam und im Beisein des Chefs des Bundesamt für Migration.

Rassistisch „betroffen“

Dass von Alex Uzuwulu Widerstand ausgehen wird, war den Behörden klar. Bereits einige Tage vor der Abschiebung trat er aus Protest dagegen in Hungerstreik und „habe sich heftig gegen seine Abschiebung gewehrt“, schreibt eine Zeitung. Er „versuchte, sich der Ausschaffung zu widersetzen“, eine andere. Und weiter: „Er konnte nur mit Gewalt gefesselt werden, wie es in der Mitteilung heisst. Man habe ihm an Händen und Füssen Manschetten angelegt, wie das auf solchen Sonderflügen aus Sicherheitsgründen üblich sei, sagte Marcel Strebel, Chef der Informationsabteilung der Kantonspolizei Zürich.“ Dem Gefangenen wurde laut Behörden zum „Schutz vor Selbstverletzungen“ auch noch ein Helm aufgesetzt. Als die begleitenden Beamten merkten, dass ihr Gefangener keine Reaktionen mehr zeigte, wurden die Fesseln gelöst. „Das Begleiterteam und die sofort beigezogene Sanität leiteten Reanimationsmassnahmen ein. Trotzdem verstarb der Mann wenig später auf dem Flughafengelände. Alle Beteiligten seien sehr betroffen, so Strebel.“ Von welcher Betroffenheit wird hier gesprochen? Zahlreiche ähnliche Fälle in den vergangen Jahren belegen, dass eine derartige Behandlung im wieder zum Tod führt. Nichts desto trotz ist sie nach wie vor „auf solchen Sonderflügen aus Sicherheitsgründen üblich“.

Einer jener Männer, die gemeinsam mit Alex Uzuwulu hätten abgeschoben werden sollen, berichtete, dass er von den Beamten im Flugzeug mit dem Gurt festgeschnallt wurde und: „Er band mich fest, die Knie und die Füße.“ Darüber wurde nur deshalb berichtet, weil der Abschiebeflug nach dem „Zwischenfall“ mit Todesfolge ausgesetzt und die überlebenden Gefangenen wieder in die Gefängnisse der zuständigen Kantone gebracht wurden. Aus zahlreichen früheren Berichten ist bekannt, dass Gefangene im Zuge von Charterabschiebungen so fixiert werden, dass sie sich nicht wehren können. In vielen Ländern fliegen Ärzt_innen mit, um notfalls einzuschreiten – und die Gefangenen mit Beruhigungsmitteln nieder zu spritzen. Pro abgeschobener Person befinden sich zwei bis drei begleitende Beamt_innen an Bord. Diese melden sich in der Regel freiwillig für diese Einsätze. Für mache mag das Geld der Grund für ihre Abschiebebereitschaft sein. Aus dem Blickwinkel einer langjährigen kritischen Beobachtung der Abschiebepraxis kann davon ausgegangen werden, dass der Großteil der Beamt_innen sich aus einer rassistischen Überzeugung heraus beteiligt. Bei Abschiebungen mit Linienflügen konnten Passagier_innen immer wieder beobachten, wie Beamte mit sichtlichem Spaß Menschen misshandelten. Später, wenn es zu Beschwerden oder gar zu einem Prozess kam, bezeichnten sich die Abschieber_innen meist als Befehlsempfänger_innen, die lediglich das tun würden, was im Rahmen ihres Berufes von ihnen verlangt würde. Doch sie versuchen immer wieder, ihr Vorgehen zu rechtfertigen.

Rassistische Stereotype als Rechtfertigung

In zahlreichen Artikeln in schweizerischen Medien zum Tod von Alex Uzuwulu bei einer zwangsweisen Ausschaffung wird darauf hingewiesen, dass der Getötete wegen angeblichen Drogenhandels festgenommen wurde. Immer wieder wurde in der Vergangenheit bei Abschiebungen umgebrachten Menschen unterstellt, sie hätten mit Drogen zu tun und wären gewalttätig. Dass diese Behauptungen wider besseren Wissens der Legitimation einer rassistischen Praxis mit einkalkulierten Todesopfern dient, ist nicht von der Hand zu weisen. Die begleitenden Beamte kennen in der Regel den Akt der von ihnen „begleiteten“ Person und verbreiten bewusst Unwahrheiten.

Im Fall von Marcus Omofuma, der am 1. Mai 1999 von drei Fremdenpolizisten aus Österreich umgebracht wurde, versuchten diese im Flugzeug mit falschen Behauptungen ihr Vorgehen gegenüber Passagier_innen rechtzufertigen. Diese hatten gegen das brutale Vorgehen der Beamten protestiert. Bis heute wird in Artikeln und Leser_innenbriefen diverser Zeitungen und Online-Foren immer wieder auf dieses rassistische Stereotyp zurückgegriffen.

Ein weiteres Beispiel ist die für Osamuyia Aikpitanhi tödlich endende Abschiebung am 9. Juni 2007 von Spanien nach Nigeria. Ihm wurde unterstellt, er werde in seiner Heimat wegen Mordes und Vergewaltigung gesucht. Eine Lüge, wie nigerianische Behörden berichtigten. In den spanischen Medien wurde das Gerücht jedoch nie widerlegt und lebt bis heute als Mythos zur Rechtfertigung rassistischer Zwangsgewalt weiter. Und dieser Mythos ist manifestiert in stereotypen Vorstellungen von der Gefährlichkeit der Anderen. Diese bleiben selbst dann verdächtig, wenn ihre Unschuld zweifelsfrei bewiesen ist. Denn hier geht es nicht um Delikte, hier geht es um Ausbeutungsverhältnisse, bei denen die Privilegierten versuchen, ihre Position mit allen Mitteln aufrecht zu erhalten. Menschen wird das Recht auf Aufenthalt, ihr Existenzrecht abgesprochen, die Gefängnis- und Deportationsmaschinerie dient der Aufrechterhaltung der rassistischen Ordnung.

Sofortiger Stopp aller Ausschaffungen – Aussschaffungsgefängnisse schließen

„Das Schweizer Bundesamt für Migration bedauerte den Vorfall und sagte alle Sonderflüge für Abschiebehäftlinge bis auf Weiteres ab“, ist aus der Zeitung zu erfahren. Doch wie weiter oben bereits ausgeführt, handelt es sich hier nur um eine vorübergehende Maßnahme. Bald sollen die Abschiebungen mit Sonderflügen – unter Einhaltung der Menschenrechte – weitergeführt werden. Doch fragt sich, welche Rechte Menschen haben, denen alle Rechte abgesprochen werden? Sie weiter jederzeit in Schubhaft genommen werden können? Eine Kontrolle durch die Polizei kann für Menschen ohne Aufenthaltsstatus die sofortige Inhaftierung und Einleitung eines Abschiebeverfahrens zur Folge haben. Politiker_innen und Behörden in Schengenland arbeiten daran, diese in Zukunft noch „effizienter“ umsetzen zu können. Die Forderung nach einem Ende dieser rassistischen Willkür stößt bei den zuständigen Politiker_innen und Behörden nach wie vor auf taube Ohren. Doch sie wird immer wieder formuliert, so auch bei den Protesten der vergangenen Tage.

So beteiligten sich am Samstag, 21. März in Zürich um die 1000 Leute an einer Demonstration gegen die Ausgrenzungs- und Repressionsmaschinerie vom Landesmuseum durch die Zürcher Innenstadt zur Schlusskundgebung auf dem Helvetiaplatz. Die Demonstration war schon länger geplant gewesen, der gewaltsame Tod nur wenige Tage zuvor verlieh ihr traurige Aktualität und ein zentrales Thema. So wurden ein sofortiger und genereller Ausschaffungsstopp, eine kollektive Regularisierung für illegalisierte MigrantInnen und Bleiberecht für Alle gefordert. Die Forderung nach „sofortiger Schließung der Aussschaffungsgefängnisse“ wurde um das Angebot zur Hilfe beim Niederreißen der dann nicht mehr benötigten Bauten erweitert.

Mit Hungerstreiks gegen Abschiebungen

Am 21. März 2010 fand ein Spaziergang zum Abschiebegefängnis Kloten statt, um den Gefangenen die Solidarität auszudrücken. Einige von ihnen waren nach dem tödlich endenden Abschiebeversuch wieder zurück nach Kloten gebracht worden. Die Vorfälle der vergangenen Tage haben hinter den Gitterstäben für Unruhe gesorgt. Mehrere Gefangene sind in Hungerstreik getreten. Die Behörden versuchen via Medien diesen Protest klein zu reden. Es handle sich um keinen „flächendeckenden Hungerstreik“, da sich in dem für 106 Ausschaffungshäftlinge Platz bietenden Gefängnis höchstens zehn Häftlinge beteiligen würden. Die Gründe für den Protest liegen zwar auf der Hand und von einem Zusammenhang mit Todesfall wird ausgegangen, trotzdem werden sie von den Behörden aber als „unklar“ abgetan. Rebecca de Silva, Sprecherin des Amtes für Justizvollzug des Kantons Zürich gegenüber den Medien: „Wir wissen auch nicht, was sie damit genau fordern“.

Das Amt für Justizvollzug hofft jedenfalls auf Streikabbruch und argumentiert einmal mehr rassistisch. Für die Behördensprecherin bezweifelt, dass die „hungernden Häftlinge tatsächlich nichts mehr essen“. Es sei durchaus möglich, dass Mithäftlinge ihre Nahrung mit den Hungerstreikenden teile. Ein Argument, dass immer wieder zur Rechtfertigung der überlangen Inhaftierung von Hungerstreikenden herangezogen wird. Als hätten die Gefangenen keinen Anlass, über den notwendigen Gewichtsverlust Haftuntauglichkeit und somit die zumindest vorübergehende Freiheit zu erlangen. Menschenleben spielen in dieser eiskalt kalkulierten Abschottungspolitik offenbar keine Rolle.

In der Nacht vom 2. auf den 3. Jänner 2006 starb der 20-jährige Ousmane Sow im Gefängnis Altstätten – verdurstet in Folge eines Hunger- und Durststreiks.

Weitere Todesfälle in Folge von Hungerstreiks sind aus österreichischen Abschiebegefängnissen bekannt. Der 20jährige Gaganpreet Singh K. starb am Morgen des 14. Sep 2009 nach 38 Tagen Hungerstreik im Polizeianhaltezentrum (PAZ) Hernalser Gürtel in Wien.

Am 4. Oktober 2005 wurde Yankuba Ceesay in einer Isolationszelle des PAZ in Linz tot aufgefunden. Er befand sich in Hungerstreik. Als Todesursache wurde bei der Obduktion eine „Verkettung unglücklicher Umstände“ festgestellt.

Am 22. Februar 2005 wurde Ben Habra Saharaoui tot in einer Einzelzelle im PAZ Hernalser Gürtel in Wien aufgefunden. Auch er befand sich in Hungerstreik. Die Umstände seines Todes sind bis heute unklar.

Die Proteste gehen weiter

Es ist anzunehmen, dass die Proteste im Ausschaffungsgefängnis Zürich-Kloten weitergehen; wie in allen Internierungseinrichtungen stehen sie auf der Tagesordnung, ihnen wird jedoch viel zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt.

Und auch außerhalb der Gefängnismauern gehen die Proteste weiter. Für Freitag, 26. März wird zu einer Demonstration vor dem Parlamentsgebäude in Bern aufgerufen. Zwischen 11:30 und 14:30 wird dort gegen den ungerechtfertigten Tod eines nigerianischen Staatsbürgers bei der geplanten Abschiebung am 17. März protestiert. „Nun ist es an der Zeit, das wir alle zusammen kommen, um zu sagen: Es reicht!“