Tübingen: Bunt statt Grün!

Kundgebung gegen die Maisingen-Polizeigewalt am 07-05-08

Polizeiliche Gewaltexzesse gehörten bislang nicht zum Standardrepertoire der Tübinger Politik. Umso erschreckender muten die Ereignisse der Nacht vom 30. April auf den 1. Mai in dieser Stadt an.

In mindestens drei Fällen prügelten vermummte und gepanzerte Polizei-Einsatzkräfte auf die friedliche Menge Protestierender ein – und das, obwohl die Lage in diesem Jahr „eher ruhig“ war, wie ein Polizeisprecher dem Schwäbischen Tagblatt gegenüber zugeben musste. Wie jedes Jahr hatten sich zahlreiche Menschen versammelt, um ihren Protest gegen den Fackelmarsch der reaktionären Studentenverbindungen auszudrücken. Diese sind offensichtlich der Meinung, jedes Jahr gegen den mehrheitlichen Willen der AnwohnerInnen und die zehnfache Menge von protestierenden Menschen im Stadtzentrum ihr Maisingen abhalten zu müssen. Im letzten Jahr konnte dieser Aufmarsch durch friedliche Intervention in Form einer Blockade verhindert werden. Doch dieses Jahr sollte alles anders werden:

Um dem farbentragenden Männergesangsverein auch gegen vehementen Protest den Zugang zum Holzmarkt zu ermöglichen, wurden knapp 200 Staatsuniformierte mehr aufgeboten. Insgesamt waren mindestens 500 Beamte im Einsatz. Dieses Mehr an PolizeibeamtInnen schirmte den Aufzug der Verbindungsstudenten nicht nur ab, es prügelte ihm auch rücksichtslos den Weg frei. Ohne erkennbare Provokation wurde mehrmals hemmungslos Gebrauch von Schlagstock und Faust gemacht. Völlig ohne Sinn wurden beispielsweise in einer abgelegenen Nebengasse (Hafengasse) mehrere hundert Menschen eingekesselt. Um ihre Friedfertigkeit zu demonstrieren hob die erste Reihe die Arme, gab damit ihren Schutz auf und rief „Wir sind friedlich, was seid ihr?“. Die Antwort erfolgte in Form einer Prügelorgie. Nicht der einzigen an diesem Abend: Weitere völlig unverhältnismäßige Polizeiaktionen fanden vor der Polizeiwache in Derendingen statt, wo sich eine kleine, vollkommen friedliche Menge zusammengefunden hatte, um auf die Freilassung ihrer inhaftierten FreundInnen zu warten. Diese wurde erst zusammengetrieben und -geschubst, eingekesselt und abgefilmt, und danach ohne vernünftigen Grund unter Einsatz von Tritten und Schlägen weggetrieben. Ähnlich brutal ging die Polizei bei der Räumung eines leer stehenden Gebäudes in der Doblerstraße vor, in dem zahlreiche Menschen eine Party feierten.

All diese Vorfälle dürften auch dem vor Ort befindlichen Oberbürgermeister nicht entgangen sein. Überhaupt ist unklar, inwiefern der notorische Selbstdarsteller Boris Palmer bei der ganzen Aktion die Regie führte oder zumindest mäßigend hätte eingreifen können. Mit den Befugnissen zu einer solchen Intervention brüstete er sich jedenfalls im Rahmen des Naziaufmarsches im Juli letzten Jahres.

Auch Polizei-Einsatzleiter Anton Saile steht nach der Nacht zum ersten Mai nicht gut da: Im Vorfeld des Fackelzuges hatte er beim Fernsehsender RTF von über 150 autonomen Gewalttätern schwadroniert und so den massiven Polizeieinsatz präventiv zu rechtfertigen versucht. Vom gewalttätigen schwarzen Block war in der Nacht jedoch nichts zu sehen – weshalb die Polizei wohl auch in vier von fünf Fällen Minderjährige festnehmen musste. Drei Mädchen zwischen 15 und 17 Jahren wurden so zum Opfer der Staatsgewalt und trugen zum Teil Kopfverletzungen, in jedem Fall jedoch Traumata davon.

Für uns sieht Deeskalation definitiv anders aus. Um unseren Protest gegen den brutalen Polizeieinsatz und den Fackelzug der Deutschtümler und Säbelrassler auszudrücken, veranstalten wir eine Kundgebung:

Diese findet an diesem Mittwoch (7. Mai) zwischen 17 und 18 Uhr auf dem Holzmarkt statt.

Wir fordern:

  • keine Polizeigewalt gegen DemonstrantInnen hier und überall!
  • Schon gar keine Polizeigewalt gegen Minderjährige!
  • Schluss mit der Diskriminierung von DemonstrantInnen als „KrawallmacherInnen“ in Tübingen!
  • Schluss mit dem Herbeifantasieren gewaltbereiter DemonstrantInnen durch die Polizei im Vorfeld!
  • Keine weitere Hofierung der reaktionären Seilschaften durch die Stadt!
  • keine weitere Einschränkung der BürgerInnen Tübingens durch das Maisingen am 30. April!

Es rufen bisher auf:

* Antifa T
* Infoladen-Gruppe
* „Freie SchülerInnen-Organisation“ (FSO)
* „Rote Hilfe“ – Ortsgruppe Reutlingen-Tübingen

* „Bündnis gegen das Hofieren reaktionärer Seilschaften“

(Ihr könnt Euch als Gruppe gerne diesem Aufruf anschließen. kurze Meldung reicht und ihr werdet unter die Aufrufenden gesetzt)
PS: Wer noch eigene Berichte über Erlebnisse mit der Polizei an diesem Abend hat: Schickt sie doch an infoladen-tuebingen@web.de, damit sie – gern auch anonymisiert – Gehör finden können.

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