Archiv für den 21. April 2008

Ehemalige SS-Kaserne in Radolfzell und das KZ Außenlager von Dachau

Dieser Vortrag wurde von Stadtarchivar Achim Fenner am 16.04. im Radolfzeller Juze gehalten. Eingeladen hatte das „Bündnis für Toleranz“, eine Initiative, die es sich u.a. zur Aufgabe gemacht hat, eine Gedenktafel im Bereich der Kaserne anzubringen, die an die Nazivergangenheit in Radolfzell erinnert, die droht in Vergessenheit zu geraten.

Der ausgesprochen detailreiche Vortrag ging über drei Stunden und erreichte ein Publikum von ca. 30 aufmerksamen ZuhörerInnen. Er gliederte sich in einen ersten Teil, der vor allem die Entstehungsgeschichte der SS-Kaserne und die von den stationierten SS-Einheiten ausgehenden Greuel (Synagogensprengungen, Deportationen von Juden und Jüdinnen, Kriegseinsätze) betraf sowie in einen zweiten Teil, der sich vorwiegend der Darstellung der Kasernenfunktion als Außenlager des KZ Dachaus und den Berichten von Überlebenden widmete.

[Anmerkung: Passagen in Klammern sind Ergänzungen, die nicht auf den Vortragenden zurückgehen.]

Die Stadt strebt selbst nach der SS-Kaserne

Die Initiative zum Bau der Kaserne ging von der Stadt und speziell von ihrem OB Eugen Speer aus. Speer hatte als NDSAP – Kreisleiter und Gauinspekteur die Voraussetzungen, um 1934 zum Oberbürgermeister ernannt zu werden. Als Kreisleiter wusste er von den Wünschen der SS, im Süden Deutschlands, in Württemberg, in Hohenzollern oder am Bodensee eine Kaserne zu bauen. Die Stadt Radolfzell bot dem Reich sodann den Bau einer SS-Kaserne an und setzte sich letztlich gegen die Konkurrenz anderer Standorte durch. Sie versprach sich hierdurch Arbeitsplätze, Mieteinnahmen und Aufträge [sicher spielte das Prestige hier auch eine wichtige Rolle]. Bauherr wurde später jedoch das Reich, und Firmen in Radolfzell konnten sich nur einen kleinen Teil der Aufträge sichern, da die Kaserne im Wesentlichen von einem Konsortium von Unternehmen aus dem Ruhrgebiet und Berlin gebaut wurde.

Einzug der Waffen-SS – Pogrome und Deportationen

Am 31. Juli 1938 bezog das 3. Bataillon der SS-Germania (Verfügungstruppe), ein Bestandteil der Waffen-SS, mit 27 Offizieren, 175 Unteroffizieren, 586 Mannschaften und 89 Pferden die Kaserne. [Aufgabe der SS – Verfügungstruppen war die Garantie der inneren Sicherheit sowie die Verfolgung und Vernichtung der Opposition im 3. Reich.] Von dem pompös mit Trommeln und Trompeten inszenierten Anmarsch über Singen sowie der Aufstellung auf dem Radolfzeller Marktplatz existieren noch fotografische Dokumente. Der Empfang war herzlich. Die Kaserne und ihre Besatzung kamen gut bei der Bevölkerung an und man machte sich zusätzlich mit Volksküchen, Winterhilfswerk, Sonnwendfeiern, Mittagessen für Kinder und Beteiligung an der Fastnacht, beliebt. Daran änderte sich auch nichts, als die Radolfzeller SS-Verbände sich an der Besetzung der Sudetendeutschen Gebiete (1938), der Zerschlagung der Tschechoslowakei (1938+1939), dem Überfall auf Polen (1939) sowie Pogromen gegen und Deportationen von Jüdinnen und Juden beteiligten.

[Vom 9. auf den 10. Oktober 1938 fand in Deutschland und Österreich die von der SA und SS organisierte Reichspogromnacht statt. In dieser Nacht wurden mindestens 400 Juden und Jüdinnen von Nazi-Schergen umgebracht, in den folgenden Tagen wurden ca. 30.000 Jüdinnen und Juden in die Konzentrationslager Dachau, Buchenwald und Sachsenhausen deportiert, wo hunderte weitere den Tod fanden. Praktisch alle der über 1400 Synagogen und Gebetshäuser in Deutschland wurden zerstört.] Die Radolfzeller SS-Germania wurde zur Sprengung der Konstanzer Synagoge gerufen, als es den Konstanzer SS nicht gelang zusammen mit der Feuerwehr die Synagoge niederzubrennen. Die Synagogen auf der Höri ( Gailingen, Wangen/Öhningen) und näheren Umgebung (Gottmadingen/Randegg,) wurden ebenfalls von der Radolfzeller SS gesprengt.

SS-Totenkopf-Verband – Deportationen nach Gurs

Mitte Dezember 1939 hielt das SS-Totenkopf-Infanterie-Ersatz-Bataillon aus Breslau für ein Jahr Einzug in die Radolfzeller Kaserne. Ursprüngliche Aufgabe der SS-Totenkopf-Verbände war die Bewachung der Konzentrationslager im 3. Reich. In die Zeit des Radolfzeller Totenkopf-Verbands fällt die Deportation von 234 Jüdinnen und Juden aus der Umgebung von Radolfzell (vor allem von der Höri) in das Konzentrationslager Gurs. Die Jüdin Alice Fleischel*, die -bereits auf der Flucht – in einem Gasthaus logierte, wurde aus Radolfzell deportiert. Die Radolfzeller Totenkopf-SS fuhr mit Transportlastern auf die Dörfer oder trieb die Menschen zu Fuß zum Singener Bahnhof.

Dies geschah im Rahmen einer riesigen, ganz Baden und Teile des Saarlands betreffenden Aktion (vgl. Bürckel-Wagner-Aktion), der 6.538 Jüdinnen und Juden zum Opfer fielen. Aus dem Landkreis Konstanz kamen 314 Personen aus 11 Orten (Überlingen, Waldshut, Konstanz, Bohlingen, Gailingen, Hilzingen, Radolfzell, Randegg, Tiengen, Waldshut, Wangen). Der Reichsstatthalter von Baden und glühende Antisemit Robert Wagner meldete am 23. Oktober 1940 nach Berlin, sein Gau sei als erster Gau des Reiches „judenrein“.

SS-Unterführerschule ab 1941 und KZ-Außenlager von Dachau

Nach dem Abzug der SS-Totenkopfverbände, d.h. in der Zeit, in der die SS-Unterführerschule in der Radolfzeller Kaserne stationiert war, wurde der Radolfzeller Schießstand mit Hilfe von 115 Insassen des Konzentrationslagers Dachau ausgebaut. Die Radolfzeller Kaserne wurde von 1941 bis 1945 zu einem Aussenlager des KZ Dachau. Die Unterbringung, Verpflegung und Behandlung war trotz Vorteilen gegenüber den Bedingungen im KZ Dachau, unmenschlich und schikanös. Ein typischer Arbeitstag bedeutete für die Häftlinge um 6 Uhr in der Früh geweckt zu werden, 6:15 Uhr war Appell auf dem Kasernenhof, 6:30 Abmarsch zum Schießstand, von dem sie abends um 18 Uhr zurückkehrten. In der Zeit von 6:30 bis 18 Uhr wurden für Frühstück und Mittagessen insgesamt gerade mal 30 Minuten Pause zugestanden. Die Arbeit auf dem Schießstand war laut Berichten von KZ-Insassen qualvoll und man wurde dabei geschlagen. Im November 1941 kam es zu der willkürlichen Erschießung des Häftlings Jakob Dörr. Ihm wurde laut Überlieferung seine Mütze abgerissen und hinter die Postenlinie der Wachmannschaften geworfen. Als er dem Befehl, die Mütze zu holen, nachkam, wurde er „auf der Flucht erschossen“.

Überlebende und Fluchtgeschichten

Hans Gasparitsch überlebte das Radolfzeller KZ-Aussenlager und wurde am 11. April 1945 von den amerikanischen Truppen aus dem KZ Buchenwald befreit. Er gehörte einer kommunistischen Jugendwiderstandsgruppe („Gruppe G“) an und war im Jahr 1935 bei einer Aktion in Stuttgart verhaftet worden. Nach seiner Aburteilung wurde er wg. „Vorbereitung zum Hochverrat“ zu 2,5 Jahren Gefängnis verurteilt. Im Jahr 1937 nach dem Ende seiner Haftzeit wurde er jedoch nicht entlassen, sondern weiter in sog. „Schutzhaft“ gehalten und gelangte im Jahr 1941 nach Radolfzell.

Leonhard Oesterle, nach einer Denunziation ebenfalls wegen „Vorbereitung zum Hochverrat“ verurteilt und danach weiter in „Schutzhaft“ genommen, überlebte ebenfalls mehrere deutsche Konzentrationslager. Im Jahr 1941 in das Außenlager Radolfzell verlegt, gelang ihm 2 Jahre später zusammen mit einem Mithäftling die Flucht über den See in die Schweiz. Die Geschichte seiner Zeit im Radolfzeller KZ kann in dem Buch „Glücksvogel: Leos Geschichte“ von S. E. Kluwe nachgelesen werden, das 1990 im Signal Verlag erschienen, mittlerweile aber vergriffen ist.

Leonhard Oesterle berichtet über eine weitere Flucht aus dem Radolfzeller KZ: Drei Tschechen hatten die Wachen überwältigt und rannten in die Nacht davon. Einer von ihnen wurde erschossen zurückgebracht, ein weiterer konnte ebenfalls gefasst werden, für den dritten vermutet Oesterle, dass er es geschafft haben könnte, auch wenn die SS mitteilte, er sei tot aufgefunden worden. Für die übrigen Häftlinge waren so lange, bis die Flüchtlinge wieder gefasst wurden, extreme Schikanen angeordnet worden: Sie mussten die ganze Nacht und den folgenden Tag auf dem Kasernenhof in Reih und Glied strammstehen, in der prallen Sonne, ohne Essen, ohne Trinken und ohne auf die Toilette gehen zu können.

[Ein weiteres schreckliches Kapitel betrifft die Zeit kurz vor dem Kriegsende im April 1945. Die Franzosen hatten die Stadt Stockach besetzt und zogen weiter, nur einen kleinen Trupp zurücklassend. Dies nutzte die Radolfzeller SS unter dem Oberbefehl von General Hans Schmid, aus, kam mit rund 100 SS-Männer nach Stockach und brachte 15 „Fremdarbeiter“ um. (Quelle: Wochenblatt)]

Die Diskussion

Besonderes Interesse rief in der Diskussion der Hinweis des Stadtarchivars Achim Fenner auf die jahrelangen Treffen der HIAG im Radolfzell der Nachkriegszeit hervor. [HIAG steht für den „Bundesverband der Soldaten der ehemaligen Waffen-SS e.V. – Hilfsgemeinschaft auf Gegenseitigkeit“ ein Sammelbecken für unverbesserliche Altnazis, Holocaustleugner oder Verherrlicher der Nazigreuel. Nach anfänglichen grossen Mitgliederzahlen und Vertretern in allen Parteien ging ihr Einfluß in den letzten Jahrzehnten immer mehr zurück. Die in Jahrzehnten aufgebauten Netzwerke der HIAG und anderer »Traditionsverbände« werden heute von aktiven neonazistischen Gruppierungen genutzt, vermutlich auch in finanzieller Hinsicht.] Die Stadt Radolfzell hat diese Treffen anfangs mit Wohlwollen aufgenommen, erst in den 70 Jahren kam es zu Protesten seitens der Bevölkerung. Bemerkenswert war an dieser Stelle auch, dass in der Liste der gefallenen Ortseinwohner des Radolfzeller Kriegerdenkmals auch die Gefallenen der Waffen-SS aufgeführt sind, obwohl sie offiziell keine Einwohner der Stadt Radolfzell waren.

Kritisiert wurde in der Diskussion die teilweise relativierenden oder „unglücklichen“, wie eine Frau es nannte, Formulierungen des Referenten, dem es mitunter ein Anliegen zu sein schien, dass Radolfzell nicht allzusehr unter dem Makel, der Standort einer SS-Kaserne oder eines KZ-Außenlagers gewesen zu sein, zu leiden hat. So strich Achim Fenner z.B. immer wieder die nach seiner Wahrnehmung im Vergleich zum KZ Dachau deutlich humaneren Bedingungen für Häftlinge im Radolfzeller Außenlager heraus, nannte die lebensgefährlichen Fluchtversuche von Häftlingen töricht oder versäumte es, die klar nazistische Ausrichtung der HIAG zu benennen.

Achim Fenner muss man jedoch seine jahrelange akribische Recherchearbeit hoch anrechnen. Respekt verdienten auch seine Reflexionen hinsichtlich der Weitergabe von überliefertem Wissen und sein Selbstverständnis, die Pflicht zur Weitergabe von historischem Wissen höher einzustufen als den Wunsch publizistische Ehren des Erstveröffentlichers für sich zu reservieren. Und es gelang ihm in seinem Vortrag, den ehemaligen Insasssen des Radolfzeller KZ-Außenlagers von Dachau ein Gesicht zu geben – was nicht wenig ist.

Offene Fragen

Es bleiben nach diesem dreistündigen Vortrag ein Menge interessanter Fragen, für die es sich lohnt, Antworten zu suchen:

  • Wie gestalteten sich die Beziehungen zwischen der Stadt Radolfzell und den diversen SS-Einheiten, die in der Kaserne stationiert waren?
  • Welche Verbrechen sind von den hier stationierten SS-Einheiten vor allem in Osteuropa begangen worden? Wo waren die SS-Verbände eingesetzt, an welchen Massakern waren sie beteiligt?
  • Wie wurde während und nach dem 3. Reich darüber in Radolfzell – und nicht nur bei den Treffen der HIAG – gesprochen?

*) Alice Fleischel, geb. Rossin wurde 1873 in Hamburg geboren. Vor dem Zweiten Weltkrieg lebte sie in München. Alice starb im Lager von Gurs. Quelle dieser Informationen: Liste von Opfern aus Deutschland, Gedenkbuch. Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland 1933-1945, Bundesarchiv, Koblenz 1986. siehe: Eintrag in der Yad Vashem Datenbank